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Gewisse Sachen gefallen mir nicht, und ich gerate darüber in unregelmäßigen Abständen in die Krise. Neustes ungewolltes Kind der Beziehung: Das regelmäßige Sehen.

Noch nie hab ich so funktioniert. Eine nicht abreißende Kette von Verabredungen, und am Ende der einen weiß man schon, wann die nächste sein wird, das geht mir gegen den Strich. Das ist schon organisatorisch für mich blöd, weil ich wirklich viele wunderbare Menschen kenne, für dich ich Zeit haben will, und mit denen ich immer recht spontan schauen will. Dafür brauche ich freie Zeit.

An sich alles kein Problem, könnte man meinen, muss ich ja nur so machen, und es Cullawine erklären, ist ja logisch dass man hie und da über Sachen sprechen muss.
Aber was passiert, ist kompliziert. Ich wehre mich gegen das mir verkrampft anmutende ständige Verabreden und stelle fest, dass Cullawine das nicht so gut behagt. Und sofort gehen die Gedanken los.

Was heißt das dann? Ist mein Wunsch falsch? Bin ich böse deswegen? Liebe ich Cullawine nicht genug? Das will ich nicht glauben, erstmal sind ja Bedürfnisse eben Bedürfnisse, und die sind immer in Ordnung. Es muss in Ordnung sein, wenn man nicht so ist, wie der andere ist.
Oder bin ich vielleicht einfach nicht für eine Beziehung gemacht? Gehört das möglicherweise zu einer Beziehung dazu, dass man seine Treffen plant, und wenn mir das nicht gefällt, dann gefällt mir eben Beziehung nicht?
Oder muss das nicht zu Beziehung gehören, und es ist eher eine Unstimmigkeit zwischen Cullawine und mir? Mit wem anders wäre das gar kein Thema. Und heißt das dann, dass ich besser mit wem anders dran wäre, oder dass das dann eben ein Thema für uns ist?

Diese Gedanken sind fürchterlich zermürbend. Sie sind ein direkter Weg zu Zweifeln an meiner Liebe, an unserer Beziehung, an meiner Bindungsfähigkeit. Ich denke oft an die Diskussion mit Schwinger zurück, in der er mir vorwarf, ich wolle die “Auseinandersetzung mit dem Partner nur solange wie sie meine Kreise nicht stört”.

Das war 2005. In gewisser Weise bin ich fast am gleichen Punkt… Nur dass ich mich jetzt auf die Auseinandersetzung eingelassen habe, meine Kreise gestört werde, und ich die Anstrengung merke und bezweifle, ob das alles so seine Richtigkeit hat. Vielleicht ist das ja ein großer Schritt.

Wow. Ich ging ins Blog, um einen Artikel zu suchen, und las nochmal den letzten. Der kommt genau richtig. Die Zweifel, gegen die ich die innere Wahrheit verteidigen wollten, sind gerade heute wieder stark, und sind es immer wieder mal.

Dabei muss ich ziemlich genau hinschauen, um rauszufinden, was eigentlich das verdammte Problem ist. Im Grunde ist ja alles ganz einfach: Wenn ich mit Cullawine nicht mehr zusammen sein will, mache ich Schluss. Dummerweise erscheint mir das aber nicht als Lösung, denn ich habe dummerweise nicht das Gefühl, dass Cullawine das Problem ist. Zwar zweifle ich an Tagen wie heute auch daran, ob wir überhaupt zusammenpassen, aber die Gefühle von Überforderung und “nicht-bei-mir-sein” hatte ich auch nach der Trennung. Die haben mit mir zu tun.

Was ich finde, ist etwas, das ein Freund von mir kürzlich das Freiheitsmotiv nannte. Es ist stark in mir (und auch in ihm), und tatsächlich erklärt das ziemlich genau, was in mir passiert. Ich fühle mich unfrei, und das stört mich. Das hat nur sehr sekundär mit Cullawine zu tun, denn es hängt eher an meiner Sicht von mir, an meinem Verhalten ihr gegenüber und meinen Gefühlen gegenüber.

Das Freiheitsmotiv ruft nach uneingeschränktem Erleben. Es will alles tun können – möglicherweise will es nicht mal wirklich alles tun, es will es aber können.
Single sein hieß für mich, das erkenne ich gerade, immer, eine riesige Welt von Möglichkeiten um mich herum zu wissen. Jeder Moment konnte fließen, wohin er wollte. Jeder schöne Abend durfte zu einer schönen Nacht werden. Jede Umarmung durfte etwas länger dauern, an jeder schönen Frau in der Stadt konnte ich mich erfreuen und mir erbauliche Zeitvertreibe mit ihr ausdenken.

Dazu muss man sagen: Getan habe ich all sowas eher selten. One Night Stands hatte ich nie, und dass ich mal spontan irgendwo übernachtet hätte, wüsste ich auch nicht. Und, mal ehrlich, irgendwelche schönen Frau in der Stadt hinterherzugucken ist nun wirklich kein Privileg von mir und meinem Singlesein. Das ist ja Volkssport (was das über das Frauenbild im Volk und in mir aussagt, ist übrigens noch eine ganz andere Frage, mit der ich mich beizeiten mal beschäftigen muss). Es ging eben nicht ums tun, sondern um die Freiheit, es zu tun.

Nun gilt es herauszufinden und zu verhandeln, was dieses Freiheitsmotiv in einer Beziehung will und sein kann. Ich bin ja weiterhin ich, und für mich darf eine Beziehung das nicht einschränken. “Mein persönliches Glück ist mir wichtiger als die Beziehung”, hat der Freund auch noch gesagt. Und natürlich hat er Recht.
Es geschieht mir zu oft, dass ich mehr schaue, was “die Beziehung” braucht, was andere Paare so machen (nämlich sich sehr oft sehen), was Cullawine gern hätte (nämlich Liebesbeweise hie und da und gemeinsame Lebensplanung) und all so was, und muss ehrlicherweise sagen: Das erschreckt mich alles ganz fürchterlich.

Mir sind meine Gefühle für Cullawine viel näher als die Beziehung. Ich war nie scharf auf eine Beziehung, das ist strukturalistischer Überbau für etwas, was ganz im Herzen passiert. In den Momenten, wo es mir gelingt, einfach Cullawine als Cullawine zu sehen, geht’s mir total gut. Sie sagt dann, das wäre nicht anders als eine Freundschaft, aber das stimmt nicht. Oder irgendwie schon, weil auch das nur strukturalistischer Überbau ist, und entfernt man den, sind viele Sachen gleich, aber der Punkt ist doch der:
Wenn ich Cullawine als Cullawine sehe, dann bin ich doch nicht aus der Beziehung ausgestiegen, sondern maximal drin, nämlich maximal bei ihr.

Ich glaube, wie überstürzen da ein paar Sachen. Eigentlich sind wir ja unter der Prämisse zusammenzukommen, einen gemeinsamen Kurs zu finden, ganz wir selber zu sein und zu schauen, was sich daraus so ergibt. Gerade mache aber zumindest ich den Fehler, dass ich schon viel zu sehr wieder irgendeine Struktur bediene, die noch gar nicht mit mir abgestimmt ist. Und um den gemeinsamen Kurs zu finden, muss ich – glaube ich – ganz, ganz viel maximal bei ihr sein. Anstatt zu überlegen, wie oft man sich sehen sollte, wann man anrufen sollte. Was so die Rahmenbedingungen einer Beziehung sind. Das interessiert mich alles nicht.

Insofern: Vielleicht will das Freiheitsmotiv gerade wieder eine Welt voll Möglichkeiten haben, und das Problem ist nicht (oder zumindest nicht hauptsächlich), dass die Beziehung die Welt um mich rum verändert, sondern dass ich bislang die Beziehung noch nicht als Teil dieser Welt sehe. Auch die Beziehung soll eine Welt voller Möglichkeiten sein, soll frei sein von Struktur und Regeln, sondern soll authentischen Austausch ermöglichen.

Mal sehen, was sie so dazu sagt.

Ich habe Cullawine wiedergetroffen. Vor einigen Wochen hatte sie das ursprünglich einmal geplante Treffen abgesagt, sie wolle mich jetzt doch nicht sehen. In der Zeit darauf kam ich unklar. Das Gefühl von “Ich bin okay wie ich bin, ich darf ich sein” war mir nicht zugänglich, ich habe mich viel abgelenkt, und hatte natürlich auch sehr schöne Tage, aber immer, wenn ich zurück zu mir kam, bemerkte ich die Baustelle.

Zwischendurch gab es immer wieder mal die bitteren, weinerlichen Tage, und es wurde immer klarer: So werde ich das nicht weitermachen. In mir geschah eine Veränderung, und irgendwann sprach ich einen Gedanken – der mich erschreckte – gegenüber der Wahlschwester aus, weil er immer wieder kam: Am liebsten würde ich einfach an Cullawines Tür kratzen, sie möge mich zurücknehmen.

Obwohl das sicherlich nicht die Wahrheit ist, und nicht der tatsächlich gute Kurs, so war darin doch ein Gefühl, von dem ich merkte, es nicht mehr lange verleugnen zu können. Nachdem ich lange versucht habe, mit mir selber auszumachen, wie es nun gehen soll, welcher Kurs ins Glück führt, wie ich ich selber bleibe und Cullawine nah sein kann, weil sie mir fehlt, merkte ich: Das kann man nicht mit sich selber ausmachen. Ich brauche dafür den Kontakt zu ihr.

Sonntag habe ich es endlich über mich gebracht, ihr zu schreiben, und wir hatten uns für letzten Mittwoch verabredet und uns getroffen, beide mit einer Riesenmuffe.

Als ich sie dann gesehen habe, bin ich fast wie ein junger Hund auf sie zu gesprungen, voller Adrenalin von der ganzen Angst, aber eben auch sehr glücklich, sie zu sehen, der Atem ging mir schwer und ich grinste, obwohl ich doch genau wusste, dass es ein ernstes, schwieriges Treffen ist.
Aber wir kamen doch ins Gespräch, und ich konnte die Dinge sagen, die ich erkannt habe: Dass ich verstanden habe, wie eine Beziehung auf einem Bündnis sicher steht, und wie ich Cullawine immer weggestoßen habe, weil ich Angst hatte, mich selber zu verlieren, wie ich tatsächlich auch das Gefühl hatte, sie akzeptziert bestimmte Seiten nicht an mir, wie ich aber auch wusste, dass sie mit offenen Armen da stand, und ich mich weggedreht habe.
Und, dass ich nach der letzten Zeit zwar immer noch keine Antworten auf die ganzen Fragen hätte, dass ich aber ziemlich sicher wäre, sie zu lieben. Denn das bin ich. Ich hätte gedacht, dass mehr Klarheit, wie ich sie schon erreicht habe nach der Trennung, dazu führen würde, sie weniger zu vermissen, aber das Gegenteil war der Fall.

Also wieder rein. Die Ängste kommen natürlich mit, und genau wie bisher ist es so, dass die Ängste eigentlich nur da sind, wenn ich mein Kopfkino fahre. Sobald wir uns sehen, spüre ich genau, warum das alles ein guter Kurs ist. Ich kann ein bisschen besser mit den Ängsten umgehen. Ich weiß jetzt, dass ich die Beziehung nicht in Frage stellen muss, nur weil ich Angst habe. Oder weil ich mal keine Lust habe, sie zu sehen. Oder weil mir auch mal andere Menschen wichtiger sind. Die Beziehung muss nicht jede Minute meines Lebens erfüllen, und ich befürchte, das habe ich letztes Mal gedacht. Was natürlich einerseits dazu führt, dass ich das ganz schön groß und erschreckend fand, und andererseits – weil das natürlich nicht klappt – immer mit einem Gefühl des Scheiterns einherging.

Wir haben uns jetzt auf die Fahnen geschrieben, dass jeder immer ganz bei sich ist, und wir wollen uns langsam annähern und mal sehen, was passiert.

Es ist der blanke Terror, und meinen Zweifeln und Ängsten wieder zu begegnen ist der letzte Scheiß, und doch weiß ich (und versuche mir zu merken) wie es sich angefühlt hat, sie wiederzusehen. Nämlich gut. Angekommen. Richtig und kongruent. Eine große Ruhe in dem Wissen, das richtige zu tun. Diese Wahrheit braucht ihren Raum, und ich werde ihn verteidigen müssen gegen die Zweifel. Ich hoffe, dass mir meine Erkenntnisse aus den letzten Monaten dabei helfen.

Mr Review sorgt sich, das finde ich nett, und so komme ich seiner Bitte nach und melde mich nochmal. Tatsächlich fällt die Bitte in eine Phase, in der ich von mir selber sage: Es hat sich was getan.

Cullawine und ich hatten in der Zwischenzeit noch mal ein Gespräch, in dem deutlich wurde: Hier ist etwas kaputtgegangen. Vorher, als wir innerhalb der WG täglich miteinander umgehen mussten, war für diese Erkenntnis kein Raum, da war das “Es ist schwer” sehr im Vordergrund. Nach diesem Gespräch war, das traurig war, aber auch fair und ehrlich, wollten wir uns erstmal nicht sehen. Was folgte, war bei mir erstmal eine Weile Trauer und Hilflosigkeit. Es ist ja leider nicht so, als wäre die Entscheidung gegen die Beziehung so eindeutig in mir gewesen, wie ich sie habe durchziehen müssen. Denn die schlechten Sachen, die ich loszuwerden hoffte (Schuld, Enge, Kopfkino, Erwartungen), gingen natürlich einher mit vielen guten Dingen. Nähe, gemeinsamer Alltag, und schlicht und einfach: Sie. Sie fehlt mir immer noch. Zwar glaube ich auch, dass ich mich richtig entschieden habe – zu einer Beziehung gehört einfach doch auch Übereinstimmung in den Vorstellungen, und nicht nur Liebe, aber natürlich blieb eine Trauer.

Danach kam eine große Ablenkung, eine Art Urlaub von dieser Trauer. Ich hatte vermutlich schlicht keine Kraft mehr, mich weiter damit zu beschäftigen, und – aus den Augen, aus dem Sinn – Cullawine war innerlich weiter weg.

Irgendwann kommt man sich bei sowas aber selbst auf die Schliche, und stellt fest: Man lenkt sich von sich selber ab. Seit einigen Tagen sind die Gedanken an Cullawine wieder öfter da, aber durchaus ein bisschen verändert. Anstatt “Wie komm ich wieder klar?” ist da wieder mehr Platz für ein “Wie kommen wir wieder klar?”.

Ich habe in der Zwischenzeit begonnen, morgens eine Meditation zu machen (ein Freund von mir konnte mich darin anleiten), weil ich das Gefühl hatte, bestimmte Gedanken und Gefühle viel zu schnell durch die Kopfmaschine zu schicken. Aus einem “Ich vermisse Cullawine” wurde unmittelbar ein undurchdringliches Gewirr von “Liebe ich sie noch?”, “War es falsch die Beziehuung zu beenden, hätten wir es schaffen können?”, “Stopp, J., geh nicht dorthin zurück, du machst dich unfrei”, “J., du kannst nicht immer so hin und her, du tust ihr damit weh” und was weiß ich nicht alles.
Die Meditation erschien mir als gute Übung, um Gefühle und Gedanken erstmal zu haben, bevor man sie analysiert.

Das ist natürlich ein Weg, vermutlich eher ein langer als ein kurzer, und in den Überlegungen, wieder Kontakt aufzunehmen, gehen die Gedankenketten schon wieder eher los. Aber immerhin ist wieder Raum für diese Überlegungen, der Schutzwall wird langsam weggeschaufelt, und ich bin ja ausgebildet, kleine Veränderungen wahrzunehmen.

Ich glaube, ich weiß sogar, was ich bräuchte, damit es weitergeht (und wie ich soeben lese, wenn ich den Beitrag hier drunter anschaue, wusste ich es auch Anfang April schon): Mehr zu mir stehen. Sicherer sein, dass ich okay bin, dass mein Weg okay ist, dass meine Liebe zu Cullawine okay ist aber eben auch meine Entscheidung, keine Beziehung mit ihr führen zu wollen.
In meiner Vorstellung sehe ich uns irgendwann miteinander reden, und beide stabil sein. Wenn sie weint, will ich mit ihr fühlen, aber keine Schuldgefühle haben. Wenn ich weine, will ich das tun können, ohne Rationalität und Gedanken über Berechtigung, zu weinen.

Noch bin ich nicht da, das merke ich, aber immerhin – die Schuldgefühle nehmen ab, ich traue mich wieder öfter, meine Gefühle zu haben und manchmal sogar, stolz darauf zu sein. There is a path.

Ich hoffe und wünsche sehr, dass bei Cullawine auch gute Dinge geschehen. Auch darum wächst das Bedürfnis, von ihr zu hören, denn ich fände es so schön, wenn es ihr besser ginge. Ich hab sie immer am meisten geliebt, wenn sie stark war.

Jetzt, wo die Trennung und der Auszug geschehen sind, kümmere ich mich mehr um mich. Nach wie vor bin ich zwar froh, dass Cullawine und ich in Kontakt bleiben, wir einen gemeinsamen Umgang suchen, aber ich stelle auch immer mehr fest, was bei mir so alles passiert ist, und dass ich mich darum kümmern muss und möchte.

Das vorrangigste und schlimmste: Dinge, die mich ausmachen, sind aufgeladen mit Schuld und dem Gefühl, sie wären falsch. Solche Setups machen einen ganz schnell psychisch krank, also schnell da ran.

Vorweg: Ich werfe Cullawine nichts vor. Auch sie kann nicht aus ihrer Haut, und ich habe mich selber entschieden, ihre Erwartungen zu erfüllen zu versuchen. Aber jetzt stehe ich da und will da raus.
Immer noch meldet sich ein schlechtes Gewissen, wenn ich Menschen nah komme, sowohl körperlich wie seelisch. Die Hemmung sitzt tief.
Es kommt der Impuls, jemanden zu küssen, einfach flüchtig auf die Wange, weil es ein schöner Moment ist und Liebe in mir ist, und das schlechte Gewissen kommt mit. Es sind Gedanken von Vergleich (“Darf ich hier lieben, wenn es mir bei Cullawine nicht gelungen ist?”) und Schuld (“Wenn Cullawine das wüsste, wäre sie verletzt”), die sofort wachwerden, und ich will sie nicht haben.
Ich will sie nicht haben, weil ich die Liebe in mir für etwas Gutes halte, so pathetisch das klingt. Ich will sie äußern können, will sie leben können. Ich lese von Mehrfachbeziehungen von Liebe ohne Eifersucht, davon, dass Menschen ganz (wirklich ganz) sie selbst sein können, und mein Herz geht mir auf. Das ist mein Weg.

Ich muss ihn jetzt freischaufeln. Sein, wer man ist. Zu dem stehen, was man will. 2008 wird das Jahr sein (hoffe ich), in dem ich Entscheidungen treffe, die mich näher zu mir führen. Immer wieder überlege ich, treuer zu mir zu stehen. Das würde vor allem bedeuten, mich mehr mit Gleichgesinnten zu umgeben. Es strengt so an, immer wieder anders zu sein, die eigenen Gefühle nie in einer Normalität aufgehoben zu fühlen. Kein Wunder, dass sich bestimmte Dinge falsch anfühlen…

Gestern sprach ich über die handfesten, unterschiedlichen Vorstellungen, die Cullawine und mir sehr erschweren, eine gemeinsame Beziehung zu führen.
In den letzten Tagen fällt mir immer mehr auf: Ganz so klar ist mein Standpunkt leider nicht. “Leider”, weil es natürlich sehr bequem ist, einen klaren, sicheren Standpunkt zu haben.

Ich hatte in der Beziehung immer das Gefühl, viel aufgeben zu müssen. Flirts, Zärtlichkeiten, wilde Nächte, Freiheit… Teile davon sind tatsächlich Punkte, von denen ich glaube, Cullawine hat da eine Schwäche und müsste lernen, lockerer zu sein.
Bei anderen Punkten, und die wilden Nächte gehören dazu, stelle ich fest: Wenn ich ganz ehrlich zu mir bin, würde mir das auch schwerfallen. Ich würde mich ebenso zurückgewiesen und ungeliebt fühlen. Bei Marveille war es auch so, dass über die vielen anderen wichtigen Menschen in ihrem Leben, mit denen es um Liebe und Sex ging, für mich irgendwann nicht mehr spürbar war, ob sie mich eigentlich auch liebt und begehrt. Dieses fehlende Gefühl hat dann für mich nach einiger Zeit den Ausschlag gegeben, den Kontakt abzubrechen…

Das ist natürlich seltsam: Ich selber habe ja sowohl Zugang zu meiner Liebe für Cullawine als auch zu meinem Wunsch nach sexueller Freiheit. Für mich ist ganz klar, dass letzteres für mich ersteres nicht schmälert. Aber doch weiß ich auch: Umgekehrt würde mir das ebenfalls wehtun.
Und dann wird für mich sogar verständlich, dass andere, kleinere Punkte ebenfalls schwierig für Cullawine werden, weil sie sich dann fragt: Ist das schon so viel wie das, was mir wehtut?
Wie soll sie denn locker sein, wenn sie weiß, ich möchte eigentlich Dinge, die schwer für sie sind?

Dieser Konflikt – ich habe das Bedürfnis nach sexueller Freiheit, und ich habe Verständnis dafür, dass Cullawine darunter leidet – ist nicht direkt auflösbar. Ich halte (rational) drei Wege für möglich, damit umzugehen.
Der erste ist: Da diese beiden Seiten nicht übereinzubringen sind, war die Trennung richtig, und eine Beziehung würde nicht gehen. Ging nicht, geht nicht. Punkt, aus, Ende der Fahnenstange.
Der zweite ist: Wenn ich doch verstehe, dass Cullawine unter bestimmten Punkten leidet, wenn ich selber auch drunter leiden würde – wie zur Hölle kann ich dann behaupten, man könne das verstehen? Dann müsste ich einsehen: Da passt irgendwas nicht.
Der dritte Weg ist: Wenn es in mir Verständnis für die Verletzlichkeit gibt, obwohl ich gleichzeitig doch auch weiß und spüre, dass sie unnötig wäre, muss es eigentlich einen Weg geben, das zu integrieren, sodass die Verletzlichkeit verschwindet. Dieser Weg hat vermutlich viel mit Kompromissen und mit Ehrlichkeit zu tun, und mit sehr viel Arbeit. Es ist wahrscheinlich der Weg, den wir die ganze Zeit versucht haben, und auf dem wir leider nicht weiterkamen.

Augenblicklich sind wir viel in Kontakt, sprechen viel, fühlen viel nach, bleiben offen. All das scheint mir in jedem Fall richtig zu sein.
Die Frage ist nur: Welcher Weg ist das?
Ein Ziel haben wir nicht. Noch ist der Weg also nicht klar. Wir folgen unseren Bedürfnissen, und das ist richtig so, aber vermutlich steht irgendwann doch einmal die Entscheidung für einen dieser Wege an.
Oder vielleicht gerade nicht, und was ansteht, ist schlicht, weiter zu gehen, ganz ohne Ziel?

Ihr seht, ich bin konfus.

“Du bist cool” sagte meine Mitbewohnerin gestern zu mir, und überraschte mich. Der Anlass war nämlich gar nicht so cool, denn ich war dabei, für ein paar Tage die WG zu verlassen, in der Cullawine und ich uns kennenlernten, zusammenwaren, trennten und jetzt eben miteinander umgehen mussten. Nun zieht Cullawine aus, und der zeitweise Auszug meinerseits war die Reaktion darauf, dass wir uns nicht vorstellen konnten, während Packen und Auszug aufeinanderzuhocken. Also lieber kurz “aus dem Feld gehen”.

“Wieso bin ich denn cool?”, fragte ich, denn ich fühlte mich eher sehr verloren in der Situation.
“Naja, euer Umgang ist cool, wie ihr allem Raum gebt, Liebe und Nicht-Liebe”.
Das war schön zu hören, denn das stimmt und ich verliere es manchmal aus den Augen. Der Umgang ist gut.

Zumindest solange ich davon ausgehe, dass die Trennung das richtige war, beziehungsweise das einzig mögliche, ist der jetzige Umgang gut. Eine Richtung ist nicht wirklich erkennbar – für Cullawine macht es das schwieriger, für mich aber erscheint es sehr authentisch. Ich will nämlich zweierlei: Einerseits will ich zurück zu mir finden, will Verstrickung auflösen und unabhängig sein. Andererseits will ich aber auch Cullawine in meinem Leben haben, will gerne eine Möglichkeit finden, wie es weitergeht, und hätte mir sogar gewünscht, dass die Beziehung klappt.
Der Weg, den wir jetzt gehen, entspricht diesen beiden Seiten in mir. Ich weiß zwar nicht, ob er in eine klare Richtung weist (eher nicht…), aber er ist aufrichtig. Auf jeden Fall ist er aufrichtiger, als entweder jeden Kontakt zu kappen oder stattdessen weiter in einer Beziehung zu bleiben, die sich nicht gut anfühlte.

Der richtige Weg ist nicht immer der schönste.

Viel geschieht, und ich werde immer wieder zurückgeworfen auf die Themen, die Ansichten und Einsichten, deren Erarbeitung hier im Blog dokumentiert ist.
Einige Unterscheidungen werden mir immer klarer, und das ist gut: Beziehung ist nicht Liebe, herrschaftsfreie Liebe hat nicht unbedingt mit Polyamory zu tun, und Verantwortung ist nicht Schuld.

Gerade letzteres gibt mir Nüsse zu knacken. In der Beziehung zu Cullawine war ich oft mit Schuld konfrontiert – nicht, weil sie mir Dinge vorwarf, sondern weil sie unter Dingen litt, die mir wichtig waren, die wichtig sind, um ich zu sein. Das macht einen Doublebind auf, denn plötzlich sind diese Dinge sowohl gut (weil: Ausdruck meines Selbst) wie schlecht (weil: Verletzung für sie). Ich vermute, dass für sie ein ähnlicher Doublebind bestand, weil ihre Verunsicherung (als Ausdruck ihres Selbst) war zugleich Gewalt gegen mich (weil ich mich einschränkte). So waren wir beide füreinander Belastung, sobald wir wir selbst waren.
Irgendwie glaube ich, dass es da etwas zu lernen gibt. Sich frei von Schuld zu machen, was einhergehen könnte mit dem Versuch Cullawines, sich freier von Erwartungen zu machen, denn Schuld empfand ich in den Momenten, in denen ich ihre Erwartungen nicht erfüllte. Aber wir haben es lange probiert, und sind immer wieder vor die Mauern gelaufen, die um die notwendige Erkenntnis errichtet sind, und auch vor jene, die der andere um sein Ich errichtet, teils zu recht (weil man zu sich stehen muss), teil sicher auch zu unrecht (weil nicht jedes Eindringen ein Angriff ist).
Da ich das nicht mehr ausgehalten habe, und weil ich nicht sah, was wir noch hätten tun können, habe ich kapituliert, und spüre jetzt deutlich:
Liebe ist nicht Beziehung. Ohne die Schwierigkeiten, die in der Beziehung so groß waren, ist mein Zugang zu meiner Liebe für Cullawine jetzt offen, und ich kann spüren: Ich liebe sie.

Mit einem gewissen Abstand ist es schön, das spüren zu können, und frei von Bitterkeit und Ärger sein zu können. Ohne diesen Abstand ist die Paradoxie fast nicht zu ertragen, dass die Liebe nur Raum hat, wenn wir keine Beziehung haben.

Aber eines bleibt wohl wahr: Zu sich zu stehen, auf sein Gefühl zu vertrauen, und nach dem Glück zu streben, ist die einzige Chance, die man hat, auch wenn das Dinge verbaut und andere Dinge zerstört, auch wenn man sich selbst weh tut und anderen.

Jahrelang habe ich mich bemüht, eine Beziehung nicht zu brauchen. Denn, so schien und scheint mir, das Brauchen kann nicht die Basis einer Entscheidung sein. Niemand entscheidet sich frei, regelmäßig zu essen und zu schlafen. Es muss eben sein. Eine Beziehung, so denke und dachte ich, muss aber frei begangen werden.
Auch habe ich immer versucht, Gefühle zu Menschen als etwas zu sehen, dass ein MEHR ermöglicht, anstatt sie darüber zu definieren, was alles nicht mehr geht.

Diese Punkte machen es gerade nicht leichter mit Cullawine. Ich gehe durch die Stadt, und sehe immer Dinge, die ich jetzt besser lasse, weil sie ihr wehtäten. Ein Flirt hier, eine Berührung da, ein verliebter Blick.
Und weil ich Cullawine nicht brauche, gibt es wenige der klassischen Gewichte, die jene “Enthaltsamkeiten” aufwiegen könnten. “Man kriegt halt auch etwas zurück” sprach sie, denn sie stimmt mir zu, dass man Freiheiten aufgibt. Dieses Etwas zurück ist für mich nicht so spürbar.

Wenn ich heute entscheiden würde, würde ich mich dagegen entscheiden. Aber wir haben einen Deal (und ich finde ihn gut), dass wir nicht sofort die Beziehung in Frage stellen, wenn es einem von uns mal nicht gut geht. Und das ist schlau, denn ich bin heute viel zu früh aufgestanden und habe die letzten Tage wenig Dinge gehabt, die mein Leben aufregend und besonders machten, dann werde ich immer empfindlich.

Heute entscheide ich es also nicht.

Warum denn ein Blog, lieb doch wie du willst und lass die Leute in Ruhe.
Naja.
Das hat mehrere Gründe.

1. Mich verstehen die Leute nicht. Das ist scheiße, das fühlt sich nicht gut an, das bedingt nervige Gespräche (für beide Seiten nervig). Vielleicht kann ich in Zukunft einfach sagen “Du, ich hab da was drüber geschrieben, schau doch mal auf meiner Seite vorbei, danke”.
Und an dieser Stelle will ich, um Missverständnissen hier vorzubeugen, gleich deutlich machen, dass ich mit freiem Lieben nicht freies Ficken meine. Das kann dazu gehören, muss aber nicht. Deswegen sage ich auch “freies Lieben” und nicht “freie Liebe”, weil der Begriff so vorgeprägt ist.

2. Ich glaube, dass viel Leid entsteht durch die Vorstellungen von Liebe, die gerade so gelten.
Denn das muss man sich klarmachen. Romantische Liebe ist gerade Mode. Noch vor 100 Jahren war das völlig egal, da ging es um eine gute Partie, die Liebe würde schon kommen.
Und jetzt, wo wir (glücklicherweise) viel Wohlstand und viele Möglichkeiten haben, da ist romantische Liebe scheinbar sehr nah, und wird uns auch nahgebracht, in Musik, in Filmen, in der Erziehung.
Und auch in den Geschichten, die Menschen dann erzählen – weilsie halt die Geschichten erzählen, die sie schön finden, die auch gesellschaftlich anerkannt sind, und schön finden sie jene, die sie halt aus Film und Musik kennen… so geht das dann weiter.
Aber diese sogenannte romantische Liebe macht traurig. Sie macht die Dinge weniger, die einem so widerfahren, obwohl sie so viel sind.
Wenn zum Beispiel eine Beziehung kaputt geht, und es dann heißt, “er war halt nicht der richtige”.
Is doch Quatsch. Für die Zeit, die man hatte, war es doch mindestens genau der richtige.

Und so glaub ich also, dass es Leuten gut tut, wenn sie auch mal andere Gedanken zum Thema Liebe lesen.
Mir tut es immer gut, wenn ich weiß, dass ich nicht allein dastehe mit dieser Meinung. Denn es ist wahrhaftig nicht einfach, sich immer wieder frei zu machen von Klammern, von Eifersucht, von Besitzdenken, aber ich glaube fest daran, dass es richtig ist, und will es halt versuchen.
Ob es klappt weiß ich noch nicht.
Aber klappt denn die romantische Liebe?