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Die Wahlschwester und ich kamen im gemeinsamen Urlaub an einen Punkt, den wir auch aus Beziehungen und aus dem Leben allein kennen: Das Gefühl, dass alles sehr hohl ist, dass das Leben und die eigene Existenz leere Hülsen sind. Gerade im Kontrast dazu, dass hier im Urlaub alles perfekt ist, wird das sehr schmerzlich spürbar. Der Ort, an dem wir sind, ist traumhaft schön, wir haben endlich einmal Zeit für uns jeweils allein und auch Ruhe für unsere Freundschaft. “Aber warum bin ich dann trotzdem nicht restlos glücklich?” fragt es im Inneren und strahlt dieses Mangelgefühl als wachsendes Leid hinaus in das ganze Wesen. Gerade im Angesicht von so viel Gutem wird es einem bewusst: All dieses Gute ändert leider nichts an dem inneren Mangel.

Glücklicherweise wagte es die Wahlschwester, das Gefühl anzusprechen. Ich selber hatte es auch, litt aber still – oft hatte ich die Erfahrung gemacht, dass es eher schlimmer wird, wenn man es ausspricht. Die Nachfragen, warum es einem denn nicht gut ginge, es wäre doch toll hier, sie unterstreichen noch stärker den eigenen Mangel an situationsadäquatem Glück.

Die Wahlschwester und ich sammelten in dem sich ergebenden schönen Gespräch Situationen, in denen wir diese Leere nicht spüren (Tanz, Zärtlichkeit, Sport und derlei) und stellten fest: All dies sind Krücken. Sie ändern nichts an der Leere, sie lenken allenfalls davon ab.

Aber vielleicht, so durchgrübelten wir die Sache weiter, ist das genau die Aufgabe: Das Leben ist hohl, füll es!
Aber wieso hilft es dann denn nicht dauerhaft?

Vielleicht, dachten wir dann, ist es wie mit dem Hunger. Da klagt ja auch niemand: “Ich hab alles probiert! Möhren, Kartoffeln, sogar Fleisch, aber das sind alles nur Krücken! Die Leere kehrt immer zurück!”

Vielleicht geht es nur darum, diese Leere besser anzuerkennen. Sich zu trauen, den Hunger als Teil des eigenen Menschseins anzuerkennen und auch offen anderen gegenüber zu sein mit diesem Teil.

Wir beide neigen nämlich in Beziehungen dazu, diese Seite zu verbergen, denn wir haben mal gelernt: Beziehungen (zumindest wenn sie gut sind) stillen diesen Hunger. Wenn wir ihn also dennoch spüren, ist das Verrat an der Sache, Verrat am Partner. Dies bringt uns dazu, uns selbst und diesen Hunger zu verleugnen, denn leider ist es Quatsch, was wir gelernt haben: In Wirklichkeit stillen Beziehungen diesen Hunger nicht. Dieses Verleugnen unseres Selbst ist dann übrigens auch gleich ein Einstieg in die letztens beschriebenen Spiralen.
Zu uns zu stehen heißt auch, uns mit diesem Hunger auf jemanden einzulassen, ihn eben als Teil des Pakets zu sehen.
Dieses Dazustehen hat die Wahlschwester gewagt, und tatsächlich war sie erst dann wieder ganz für mich spürbar. Auch ich selbst konnte erst im Dazustehen wieder merken: Stimmt, wir sind uns ja wichtig, wir lieben uns.

In Liebesbeziehungen lassen wir das häufig sein (was sicher auch mit der Sehnsucht nach der einfachen Lösung zu tun hat). Kein Wunder, dass das Gefühl der Leere dann weiter wächst: Wir verleugnen da etwas. Wir nehmen uns zurück, aber “zurück” bedeutet hier natürlich “fort vom Anderen”, und das Gefühl der Distanz wächst.

Wie so oft ist der einzige Ausweg: Wagen zu Sein.