Archiv für November 2005


29.11.2005 1:18
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Liebe Marveille, hier geht es viel um dich. Aber es ist kein Appell, sondern eine Ich-Botschaft. Falls du es lesen willst, solltest du das wissen – Druck ausüben will ich nämlich eigentlich nicht..

Ich stelle immer mehr fest, dass mir Sex im Grunde nicht so besonders wichtig ist. Also, Sex as in Orgasmus zumindest. Deswegen sage ich manchmal lieber Sex* (sprich: Sexsternchen) oder Körperlichkeit, um mehr damit zu meinen.

Auch wenn das hart klingt und ich nicht ausschließe, dass mich mehr Erfahrung eines Besseren belehren wird: Orgasmen hatte ich auch allein immer schöne.
Was ich dagegen über die Maßen schätze, ist Haut, wobei das in weiten Teilen metaphorisch ist.
Im Grunde geht es mir bei Sex ganz viel um Intimität und Nähe. Dieses Ineinanderdrängen, diese Körperlichkeit ist eine recht gute Annäherung an maximale Nähe. Klappt super bei mir – ich fasse Menschen gern an, die mir nah sind. Manchmal wird es sexy* dabei, aber das muss nicht zwingend so sein. Manchmal ist es so, aber entscheidend ist für mich immer die Nähe per se.

Genau diese Nähe ist es, die ich immer spüren muss – das hab ich schon oft geschrieben, glaube ich:
Ich muss spüren, was da ist; bei jedweder Zwischenmenschlichkeit.
Dann bin ich nicht eifersüchtig und nicht enttäuscht und nix, dann geht’s mir super. Und dieses Etwas, was ich da spüren muss, so erarbeitete ich heute mit Paikja, ist die Nähe. Ist Intimität.

In einer momentan frisch aufkeimenden Geschichte mit Marveille fühle ich die nicht so sehr. Da liegen 2 Ebenen getrennt vor, einmal ich als Freund und ich als Bettgespiel, als boytoy, und diese Trennung fällt mir schwer. Denn als Freund spüre ich dort die besagte Nähe, als boytoy aber nicht.
Und da meine betörende Freundin momentan sehr an ihrer Spontaneität hängt (und ich bin der letzte, der ihr da reinredet, das kann ich mal so gut verstehen), entscheidet sie von Mal zu Mal, ob ich Freund oder boytoy bin. Ich dagegen, glaube ich, hätte das lieber verschmolzen in einer Zwischenmenschlichkeit, sodass ich meine Nähe zu ihr, die sowohl freundschaftlich wie erotisch ist, auch eben beiderlei ausdrücken kann.

Ich habe in den letzten Tagen gemerkt, dass mir das Momentane schwer fällt, dass ich mich (zumindest auf der einen Ebene) als einen von mehreren anderen boytoys empfinde (bevor jemand fragt: Das Problem ist, um genau zu sein, nicht, einer von vielen zu sein, das Problem ist die Empfindung, nicht besonders zu sein).

Und jetzt – immerhin versuche ich Beziehungen offen zu führen – frage ich mich, wie das kommt, und wie ich daran etwas ändern kann, ohne Schuldzuweisungen vorzunehmen. Denn sie hat alles Recht der Welt, das zu leben was sie will.

Es gibt in dem Zusammenhang zwei Dinge, die ich für wahr halte.

Nein ist stärker als Ja.

In jeder Beziehung sollte man die Schnittmenge leben.

Das Dumme ist ja in meinen Augen, dass sich die Schnittmenge der beiden Ebenen (Freund / Boytoy) unterscheidet. Und da Nein stärker ist als Ja, gelten die Beschränkungen, die Marveille setzt, unmittelbar und treffen mich jedesmal unvorbereitet. Halt spontan.

Das gibt ihr ziemlich viel Macht über unsere gemeinsame Zeit, und ich fühle mich dabei ohnmächtig.

Kleiner Einschub: In unserer Vergangenheit gab es das schonmal andersrum. Da hatte ich mehr Macht. Vielleicht muss sich das Thema erst einmal gelöst haben, bevor es weitergeht.

Ich habe das vor kurzem mal angesprochen, und sie hat gut reagiert. Wir haben über meine Ängste gesprochen (die aus der Ohnmacht kommen) und über ihre Wünsche, und sie hat viele meiner Bedenken zerstreut, allen voran im Grunde jenes, dass ich nichts Besonderes wäre. Aber das Gefühl bleibt, und ich weiß noch nichtmal genau, was es ist.
Diesmal will ich erst bei mir schauen, wie ich das lösen kann, in mir (und Marveille, falls du das liest, das ist auch der Grund warum ich es blogge und dich nicht drauf anspreche. Ein Tabu ist das Thema aber übrigens deshalb nicht).
Im Grunde ist schön, was wir haben. Eine Friendship with Benefit. Ich kann ja auch gar nicht sagen, wohin ich gern würde, ob mir das gerade “nicht genug” ist, ich mehr brauche.
Vielleicht mehr Sicherheit. Mehr Wissen um ein Morgen. Aber ich kann verstehen, dass sie gerade nur das Heute interessiert. Das kann ich gut verstehen.
Aber was ist die Schnittmenge von Heute und Morgen?

28.11.2005 14:28
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Vor kurzem noch darüber sinniert, ob Otto Schily vielleicht doch ganz nett ist, und nur die Rolle des Innenministers ein schreckliches Unheil, und schon finde ich diesen Satz seines Nachfolgers in der aktuellen Frankfurter Rundschau (Nr. 277/48, D-Ausgabe):

Ich glaube, wenn es darum geht, etwa einen Mord aufzuklären, dann muss der Datenschutz auch in Grenzen zurücktreten.
Wolfgang Schäuble

Arhh, die unheilige Logik der Notwendigkeit, die politische Realisierung von Stammtischwahrheiten á la “Der Zweck heiligt die Mittel”.

Ich muss Herrn Schäuble eine e-mail schreiben…Nach Einigkeit und Recht war doch immer auch die Rede von Freiheit. Das muss er doch wissen!

27.11.2005 19:43
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Jetzt schreib ich ihn doch, den obligatorischen Winterbeitrag. Hach, da geht so viel Individualismus bei drauf, so innerlich… doof.

Aber eigentlich geht’s genau darum. Weil er nämlich doch einfach eine Gewalt ist, der Winter. Und zwar für alle. Über alle, sozusagen. Da ist’s vorbei mit individuell.

Die Menschen werden traurig. Ich auch. I feel like a boytoy. Kleine Dinge gehen mir momentan näher als sich das gehört, und um mich rum verkriechen sich Menschen in sich und ihren Betten.
Ich hatte gestern so einen Tag, den ich dann doch noch halbwegs gewendet habe – aber ich weiß wirklich nicht, ob ich mich besser dagegen wehre, oder die kalte Schwere gewähren lasse.

Winter.

26.11.2005 16:23
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Meine Familie hat keine wirklich Weihnachtstradition. Erst in den letzten Jahren, übrigens interessanterweise nachdem wir den Geschenkekram weitgehend gestrichen haben, entwickelt sich wieder etwas, nämlich ein Familienabend.
Das gefällt mir, denn ich habe mit Christi Geburt (übrigens eine schöne Phrasologie (ich glaube das heißt so), in der ein lateinischer Genitiv gebraucht wird) nicht viel am Hut, mit meiner Familie hätte ich das dagegen ganz gern.
Jedenfalls habe ich aber deshalb auch keinen besonderen Bezug zu Weihnachtsdekoration und -musik oder so.

Ich stapfte vor einigen Tagen durch den frischen Schnee (die Inuit würden Qanittak sagen), es war ziemlich kalt und ungemütlich, meine Schuhe waren nass und der Wind stach mir in die Augen, und sah so ein Weihnachtssterndingens in einem Fenster, und war dann doch gerührt.

Das menschelt so… Man hängt da ein Symbol ins Fenster, hat es schön warm, knackt sich ein Nüsslein, und 10 cm vom Weihnachtsschmuck entfernt beginnt das Nasskalte, das Verkehrstote fordert und Menschen erfrieren lässt.

Ich meine das nicht zynisch. Man hängt sich die Hoffnung ins Fenster, das ist eigentlich schön, irgendwie. Rührend halt.
Und auch nicht anders, als meine Entscheidung, kein Fernsehen mehr zu schauen, weil mich das Leid stärker betrübt, als dass es mich motiviert, etwas dagegen zu tun.

25.11.2005 3:21
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Wieder ein hübsches Wort…
Wenn ich groß bin, werde ich Netztherapeut!
Ich seh das Schild schon vor mir…

Dipl.-Psych. freies lieben
Lösungsfokussierter Therapeut
Einzel-, Paar- und Netztherapie

Hach ja… Träumen ist schön.

24.11.2005 2:19
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Auch wissenschaftlich gibt polyamory einiges her, und ich spiele recht ernst mit dem Gedanken, meine Diplomarbeit darüber zu schreiben.
So ernst, dass ich wissenschaftliche Literatur dazu suche, und da sind unter diversen anderen (ganz so brach liegt das Feld doch nicht, das ist gut) auch Meg Barker und Ani Ritchie dabei.

Die waren auch auf der Polyamory Konferenz, leider aber am Samstag, und da konnte ich nicht mehr da sein.
Jedenfalls bemängeln sie völlig zu Recht einen Mangel an Worten. Gerade in der Diskussion mit Schwinger ist nochmal deutlich geworden, dass man mit “Liebe” und “Beziehung” irgendwie doch nicht so weit kommt, obwohl natürlich jeder weiß, was das ist. Aber jetzt versuch DU doch mal, das in zwei Sätzen zu sagen.

Also suchen die beiden Forscherinnen nach neuen Worten und haben gute Ideen, wie sie der Onlineausgabe der englischen Times erzählt haben:

  • Frubbly expresses the emotion of joy at seeing partners happy in the company of other lovers
  • Ethical sluts have many lovers but all consensual and aware of each other
  • Wibble is when a partner finds another lover and the original partner requires assurances*
  • NRE or “new relationship energy”, describes a honeymoon period after getting a new partner
  • Metamour is the relationship a polyamoric has with a lover’s partner

Klasse Wörter. Die meisten gehen auch auf deutsch und klingen zum Teil angenehm mundartlich. Frubbelig (das Adjektiv zu Kompersion, und im Übrigen schön nah dran an den deutschen Worten “froh” und “hibbelig”, was irgendwie doch beides passt), ethische Schlampen, Wibbel (schön nah an “Wiggel”, was ich kenne für “viel zu tun”, was halt auch irgendwie unangenehm aber handlebar ist), NBE und, naja, Metamour kann man ruhig frankophon belassen, das hat Eleganz.
Neue Wörter. Neue Wörter sind immer auch neue Worte, und das ist super!

* Mich stört dabei, dass nur der Original Partner das haben kann, ich würde die Definition erweitern auf “…when one partner finds another lover and some other partner requires reassurance.”

23.11.2005 20:35
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Die Idee der Abhängigkeit ist natürlich nur das Yin zum Yang meines Nähe-Vorsatzes, wenn ich mal ehrlich bin…

Yin und Yang
Kurz zur Erklärung: Die Linie im Yin-Yang-Symbol verläuft wellenförmig, und das nicht ohne Grund. Ich hab mal gelernt, dass das eben klarmachen soll, wie’s so läuft im Leben. Mal hierher zu weit, dann in die andere Richtung zu weit, und die Vorzeichen der Übertreibungen mendeln sich zur Norm heraus.

In meinem Leben war das immer so. Introversion-Extraversion hab ich erst in die eine, dann in die andere Richtung exzessiv gemacht, Treue-Freiheit auch.
Yin zu Yang zu Yin zu Yang.
Und ich bin mir ziemlich bewusst, dass ich momentan, was Freiheit angeht, sehr ins eine Extrem schlage, was halt Nähe etwas erschwert. Deswegen der Wunsch, da mehr Balance zu kriegen. Vielleicht überwiegt deshalb auch, sozusagen als Konsequenz des übermäßigen Yins der Freiheit, die Yang-Seite der Nähe: Die Abhängigkeit.

Hmmmm…

23.11.2005 19:47
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Ich hatte mir nicht notiert, dass ich gestern arbeiten musste, und so hatte ich ungehaltene bis verwirrte Anrufe auf meinem AB. Meine Kollegin, die für mich fast eingesprungen wäre, sagte “J., sieh zu dass du dahin kommst, da sind Schwangere! Das ertrag ich nicht!”.

Ich habe sie noch nicht fragen können, was es mit dieser Aversion auf sich hat – das Stück war von 5 Schwangeren gespielt worden, gesehen hab ich es nicht, aber es war wohl ganz schön – aber ich fand das sehr interessant.
“Ich mag keine Schwangeren.”

Ein früherer Mitbewohner aus meiner alten WG mochte weder Kinder noch alte Menschen, und meine Freundin Paikja hat (völlig zu Recht und ziemlich scharfsinnig) angemerkt, dass das aber auch Teile von ihm sind, die er dann wohl nicht mag: Er war mal ein Kind, er wird mal alt sein.

Genauso meine Kollegin. Die Rolle der Mutter ist Teil von ihr, wenn auch nicht ganz so zwingend wie die des Kindes oder des alten Menschen. Offensichtlich sieht sie in sich nicht die Schwangere, sei es, weil sie eine klassische Frauenrolle ablehnt, allgemein eigentlich wenig Lust auf Weiblichkeit hat – keine Ahnung.

Kommen wir zum eigentlichen Thema. Ich habe ein großes Problem mit Abhängigkeit. Dass ich das in Beziehungen nicht mag, sollte hier im Blog mehr als klar geworden sein, aber ich mag es auch so nicht. Ich bin Antialkoholiker und rauche nicht, und ich lasse auch von härteren Drogen die Finger. Ich komme auch überhaupt nicht gut klar auf Süchtige Leute, Alkoholiker im Speziellen geben mir die totalen Creeps.
Bislang habe ich das immer über meinen Spaß an der Askese interpretiert, aber vielleicht gibt es auch in mir einen Teil, der abhängig ist.

Ich hab das oft gehört: “Aber J., man ist nunmal abhängig von seinen Freunden.” *schauder* hats dann immer in mir gemacht.

Mein Freund und Gönner Faucon hat vorgeschlagen (und ich bin nicht sicher, wie spaßig das gemeint war), ich solle mich mal bewusst in die Abhängigkeit geben… Krasser Gedanke.
Zumindest sollte ich vielleicht mal rausfinden, worum’s da geht bei mir.
Angst vor Kontrollverlust? Sehr naheliegend, passt zu meinen Hingabeschwierigkeiten in Bett und Hypnose.
Angst vor Machtverlust? Ist das was Anderes?

Da fehlt mir noch Erkenntnis… aber ihre Schwangeren sind meine Alkoholiker, das steht fest.

23.11.2005 13:05
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Monopoly!

*kicher* Der Untertitel… ich hau mich weg! Chrchrchrchr…

22.11.2005 13:25
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Jemand aus meinem Polyumfeld hat den Ausdruck “Parallele Monogamie” benutzt, und ich musste erst schmunzeln und nun muss ich darüber bloggen.

Monogamie wird in dem Polykontext, den ich so kenne, auf zweierlei Arten benutzt, einmal gesellschaftlich, einmal individuell.

Einmal, gesellschaftlich, als Feindbild, wenn man so will. Das ist teils bedenklich, teils aber auch sehr verständlich, immerhin haben sich viele Polys eben sehr explizit gegen monogame Lebensformen entschieden, weil sie sich darin nicht wohl gefühlt haben.
Zu dem Feindbild gehört außerdem die mononormative Kultur, die einen von Kindesbeinen an lehren will, Monogamie sei das einzig wahre. Das ist also normative Gewalt, gegen die sich da gestellt wird.

Die zweite Verwendungsart, individuell, meint schlicht die Lebensweise, wenn sich also zwei Leute bewusst (das ist wichtig) dafür entscheiden, das zu tun, in Kenntnis der Alternativen.
Wie letztens erörtert, halte ich es auch in einer solchen Mono-Beziehung für möglich, frei zu lieben.

Zurück zur parallelen Monogamie. In der Diskussion mit Schwinger über meinen letzten Artikel erlebe ich eine neue Norm für eine “richtige Beziehung”. Sowohl Schwinger wie Promisc (der sich in den Kommentaren dazu geäußert hat) leben in einer offenen Beziehung, also ein Primary und evtl. Secondaries, und vermitteln mir ein bisschen, dass das, was ich gerne hätte, eigentlich keine “richtige Beziehung” ist.

Wir diskutieren da noch dran, und in Teilen lasse ich das als Argument durchaus zu, aber in anderen Teilen ist das genau die oben beschriebene gesellschaftliche Gewalt einer Norm. Sogar irgendwie einer monogamen Norm: Es gibt eine richtige Art einer Beziehung, es geht um ganz viel Nähe zu einer Person (nämlich zum Primary).
Parallele Monogamie. Auch damit kann ich nicht wirklich viel anfangen, das ist einfach nichts für mich mit dem Ganz Nahen… Kann ich nicht vielleicht einfach mal so probieren, wie ich das gern hätte?

20.11.2005 19:17
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Primary und Secondary sind Bezeichnungen, um in einer offenen Beziehung die unterschiedlichen Partner zu benennen. Klassischerweise hat man also einen Primary und mehrere Secondaries, und was mit letzteren okay ist, wird gemeinsam mit dem Primary überlegt.
Der Übergang zu Beziehungsnetzen ist dabei fließend, weil auch Beziehungen mit mehr als einem Primary denkbar sind.

Teilweise stört mich die Hierarchie, die da mitschwingt, aber andererseits sind es auch nur Worte. Die können ja nichts dafür.
Und vor allem kann ich mir gerade sehr viel besser vorstellen, Secondary für jemanden zu sein als Primary.

Ich sprach darüber mit Powergirl, was naheliegend ist. Wir finden es beide gerade sehr spannend, wohin wir so reisen, seelisch, amant, aber wohin es auch geht, einen Primary hat sie. Das zu verstehen hat bei mir lange gedauert, aber es ist jetzt eigentlich angekommen. Inwiefern und mit wem sie sich auch immer für Freies Lieben öffnet, es werden sicher eher Secondary Relationships sein.

Im Gespräch sagte ich ihr, dass ich Secondary ohnehin netter finde, denn Primary löst bei mir ganz viele Assoziationen aus, die halt beim bösen Wort mit B auch kommen.
“Oh, ich hab sie gestern gar nicht angerufen, heute muss ich aber” oder “Sie will wohl Sex, hat sie Recht, ist auch mal wieder dran”. Die Normen sind, ich schrieb es schonmal, auch in mir sehr stark, und selbst wenn ich weiß, dass diese Gedanken bescheuert sind, sie kommen. Und ich mag sie nicht.

Deswegen hätte ich viel mehr Lust, “Secondary” zu sein, wenn man das losgelöst von einer Konstellation mit einem Primary überhaupt sagen kann (wenn man es einfach als Namen für eine bestimmte Art von Zwischenmenschlichkeit nimmt, ist die Hierarchie auch weg. Find ich ganz gut.)
Secondary. Dazu hab ich nämlich keine Assoziation, da können auch keine doofen Normen von hinten zuschlagen.

Oder, so sinnierte ich mit Powergirl, ich habe eigentlich auch einen Primary:
Mein Alleinsein.
Im Grunde mag ich es gern.
Ich will es nicht heiraten, ich will noch nichtmal monogam mit meinem Alleinsein sein, aber es ist schon mein Primary, und was mit Secondaries geht, muss ich gemeinsam mit meinem Alleinsein überlegen.
Wir machen dann einen Stuhlkreis und stimmen ab.

Beim Nachdenken über Dossie Easton’s Wunderfrage kam ich darauf: Die Beziehung, die ich (wenn es nur nach mir ginge) gern hätte, wäre nicht besonders eng. Wenn man sich 2 oder 3 Mal die Woche sieht, und es dann schön ist, fände ich es ziemlich super, glaub ich.
Den Rest der Zeit fülle ich allein, oder vielmehr “aus mir selbst”. Da treffe ich mit Freunden, musiziere, chatte, was weiß ich. Aber ich würde sie immer offen haben wollen, diese Zeit.

Ich find’s total, wirklich total super, mir das zu erlauben. Ein bisschen Sorge schwingt trotzdem noch mit, und ich wette bei dem einen oder der anderen Leserin ist auch der Gedanke: Na, der soll mal wieder ordentlich lieben, dann will der 24/7.
Aber ich glaube das nicht. Ich fand das immer ziemlich viel, auch wenn dieses “immer” sich auf nicht allzu viel Erfahrung bezieht.

Tocotronic singen darüber

Du sagst, ich lebe anders jetzt,
in der letzten Zeit.
Du sagst, mein neues Hobby
ist die Einsamkeit.
Tocotronic

Ohne die Bewertung, dass Einsamkeit schlecht ist, würde ich das in Zukunft vielleicht eher grinsend mitsingen…

PS: Schwinger hat einen Antwortbeitrag auf diesen Artikel geschrieben, in dem wir ein bisschen diskutieren, was eigentlich eine Beziehung ist (und wie wichtig der Begriff ist).

20.11.2005 19:05
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Powergirl hat mir vorgelesen, was Pascal Mercier über Loyalität zu sagen hat, und ich finde es sehr schön. Es dekonstruiert ein bisschen die Liebe als “Ding”, als etwas, das geschieht, und es hat auch ein bisschen was mit der schwierigen Unterscheidung von Treue und Loyalität zu tun.
Treue finde ich nämlich nicht so toll, Loyalität dagegen unverzichtbar.

Das ist genau wie mit den beiden Begriffen Enge und Nähe sowie Verantwortung und Verbindlichkeit.
Haarscharf, aber eben doch gerade anders, und der Unterschied ist wichtig, glaube ich.

Also los, Herr Mercier.

Die beiden hatten all die Gründe notiert, aus denen heraus Loyalität
entstehen kann.

Schuld am anderen, gemeinsame Entwicklungsschritte, geteiltes Leid, geteilte Freude, Solidarität der Sterblichen, Gemeinsamkeit der Ansichten, gemeinsamer Kampf gegen außen, gemeinsame Stärken, Schwächen, Gemeinsamkeit im Nähebedürfnis, Gemeinsamkeit des Geschmacks, gemeinsamer Hass, geteilte Geheimnisse, geteilte Phantasien, Träume, geteilte Begeisterung, geteilter Humor, geteilte Helden, gemeinsam getroffene Entscheidungen, gemeinsame Erfolge, Misserfolge, Siege, Niederlagen, geteilte Enttäuschungen, gemeinsame Fehler.

Er vermisse auf dieser Liste die Liebe, sagte er.
Der andere antwortete: Daran glaubte er nicht. Mied sogar das Wort. Hielt es für Kitsch. Es gebe diese drei Dinge, und nur sie, pflegte er zu sagen: Begierde, Wohlgefallen und Geborgenheit.
Und alle seien sie vergänglich. Am flüchtigsten sei die Begierde, dann komme das Wohlgefallen, und leider sei es so, dass die Geborgenheit, das Gefühl, in jemanden aufgehoben zu sein, irgendwann auch zerbreche.
Die Zumutungen des Lebens, all die Dinge, mit denen wir fertig werden müssten, seien einfach zu zahlreich und zu gewaltig, als dass unsere Gefühle sie unbeschadet überstehen könnten. Deshalb komme es auf Loyalität an. Sie sei kein Gefühl, meinte er, sondern ein Wille, ein Entschluss, eine Parteinahme der Seele. Etwas, das den Zufall von Begegnungen und die Zufälligkeit der Gefühle in eine Notwendigkeit verwandle.
Ein Hauch von Ewigkeit, sagte er, nur ein Hauch, aber immerhin.

Pascal Mercier, Nachtzug nach Lissabon.

20.11.2005 13:39
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Freiheit und Sicherheit sind keine Gegensätze.

spricht die Kanzlerin in der Zeit Nr. 47. Ob sie doch auch meine Kanzlerin ist?

20.11.2005 2:22
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Gespräch über Beziehungen geführt. Darüber, wie sie halt zu Ende gehen, und dann mein Kommentar, dass sie halt nur zu Ende sind, dass es aber dennoch gilt, die Zeit vorher zu würdigen.
Ich musste dann folgendes hören.

Naja, ich sag mal so, das sieht vielleicht mit als Frau mit Mitte 30 etwas anders aus als von deiner Warte als Mittzwanziger.

Hmpf. Okay, einerseits: Ja, klar. Wenn da ein Kinderwunsch ist (und um den ging es), ist eine weitere gescheiterte Beziehung wieder eine Zeit, die nicht dem Kinderkriegen zuträglich war.
Aber doppelt Andererseits: Erstens will ich keine Beziehung führen, in der mein Zuchtwert den Ausschlag gibt, wie gut die Beziehung ist. Und zweitens wünsche ich dennoch jeder Frau, dass sie eine Beziehung genießen und (auch im Nachhinein) würdigen kann, unabhängig von der “Zielerreichung”.

Und ganz abgesehen davon finde ich es befremdlich, wenn solche Erfahrungen den Wunsch nach und die wahrgenommene Notwendigkeit einer “diesmal aber endlich funktionierenden” Beziehung stärken.
Für mich scheint es wirklich an der Zeit, dann was Neues zu probieren. “Love it, leave it or change it”, habe ich dann einer der beiden Frauen “Mitte 30″ mitgegeben, die andere war schon ausgestiegen aus dem Auto.

Ich werde demnächst mal meine Zukunftsvision bezüglich Kinder weiter ausschmücken.

19.11.2005 0:36
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Auf der Mailingliste gab es eine Diskussion über die starke Dichotomie von Monoamory und Polyamory (oft auch unfair gegenübergestellt: Monogamie und Polyamory, also einmal Ehe- und einmal Liebeskonzepte), und ich habe dazu was geschrieben, was ich auch hier veröffentlichen will (leicht abgewandelt).
Es löst die Dichotomie ein bisschen auf, und das muss ich erstens mir selber klar machen, aber vor allem mag es auch den einen Leserin oder die andere Leser erhellen.

Durch den ja weitgehend geklärten Konflikt in den letzten Mails, in dem es viel um Poly vs. Mono ging, darum, ob es überhaupt wirklich ein Versus gibt, fiel mir nochmal auf, dass ich das ganze ja (mangels anderem Wort) *freies Lieben* genannt habe.

In gewisser Weise finde ich das immer noch besser als Polyamory, weil es an einer anderen Ebene ansetzt und keine eigene Subkultur einfordert.

Aber mal von vorne. Oder eigentlich von hinten. Naja. Polyamory ist für mich sehr auf der Beziehungsebene. Obwohl die Wortbedeutung nur “Viele Lieben” ist, geht es ja sehr um alternative Beziehungskonzepte, um offene Beziehungen, Dreiecke, fuck buddies, cuddle buddies, Clans, usw. You name it.
All diese Sachen gibt es nicht in Monoamory. Auch auf der Polykonferenz in Hamburg vor einigen Wochen war da eine sehr deutliche Gegenüberstellung:
Mononormativität versus Polyamour.
Einerseits mag ich das, weil bei mir in der Tat eine Unzufriedenheit, oder vielmehr eine Inkompatibilität, mit Monoamory Ausschlag für meine Entwicklung gegeben hat. Das war irgendwie nichts für mich, Ausschließlichkeit, Priviliegien…Ich war heilfroh, als ich endlich erfuhr, dass es eine Alternative gibt (die als Alternative eben dadurch gilt, dass sie ganz anders ist).
Dieser Ideologie konnte ich mich gut anschließen, so innerlich.

Jeder Einschluss von Menschen ist aber ein Ausschluss anderer, jedes “Wir” birgt ein “Die anderen”, und das ist eigentlich nicht so schön.
Kleine Anmerkung: Die Emanzipationsbewegung krankt meiner Meinung nach daran, dass der Sprung nicht gemacht wird zu einer geschlechtsunabhängigen Bemühung von Antisexismus: Die Einschlüsse”Mann” sowie “Frau” sind noch sehr stark und schließen somit das jeweils andere Geschlecht (nehmen wir mal an es sind 2, ist für das Argumentnicht so relevant) aus.

Jetzt zum Hauptpunkt. Auch wenn diese Abkehr von Monoamory, dieses Zuhausesein in Polyamory, sehr schön war:
Freies Lieben trifft eigentlich besser, worum es mir geht.
Und freies Lieben kann es auch in einer bewussten, freiheitlichen Monobeziehung geben. Freies Lieben heißt für mich, dass man sich frei für seine(n) Partner entscheidet. Sich jeden Morgen aufs Neue klarmacht, ob man mit dieser Person gern zusammen ist.
Freies Lieben heißt, dass ich nicht den Anspruch habe, zu besitzen, und ebenso nicht besessen werden will (no offence to BDSM, wie das da läuft versteh ich noch nicht so ganz).
Freies Lieben heißt hinnehmend zu lieben, also nicht darauf zu warten, dass meine Erwartungen erfüllt werden, sondern dass anzunehmen und zu genießen, was geschieht. (Das schließt natürlich Bedürfnisäußerung und*freiwillige* Entscheidung zur Bedürfnisbefriedigung nicht aus, denn freies Lieben ist auch selbstverantwortliches Lieben.)
Freies Lieben heißt, dass niemand einen anderen unterdrückt, zum Beispiel durch Regeln, die nur ein Partner gut findet (Und da werden viele (aber eben nicht alle) Monobeziehungen schwierig, weil die Norm sich als Regel manifestiert, und nicht hinterfragt wird. Sobald sie hinterfragt und allseits bejaht wird, ist jede Regel wieder okay).

Ich könnte mir noch 1 bis 2 Punkte aus den Haarspitzen schütteln, aber der Grundgedanke wird klar, denke ich.
Ich möchte Freies Lieben gern als offeneres Konzept in die Runde werfen, eines auf dass sich Monos und Polys einigen können.
Gut, sicher, es mag auf beiden Seiten (hach, wie ich schon wieder die Dichotomie ausmale… naja) Leute geben, denen das nicht gefällt. “Moment mal, nix da Hinnehmen, ich hab auch Rechte, wir sind doch zusammen” oder eben “Wie jetzt Regeln, ist meine Beziehung ein Fußballverein?”. Klar.
Das Kontinuum der Möglichkeiten ist beliebig erweiterbar.

Aber irgendwo im Zentrum steht ein riesiger Common Ground (das ist linguistisch für Schnittmenge von Konzepten), den es zu begehen gilt, auf dem man sich vielleicht begegnen kann, ohne dass es kracht.
Krach ist nämlich nur manchmal schön.

Let Love Rule!