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Mir fällt auf, dass ich den Satz “Waiting is”, den ich gerade erwähnte, noch nie im Blog erklärt habe. Er stammt aus Heinleins “Stranger in a strange land“, das ich sehr schätze, und der über die Maßen weise Protagonist Michael Valentine Smith sagt ihn mehrmals, wenn er Dinge noch nicht “grokt”, noch nicht versteht, oder das Leben einfach noch nicht so weit ist, wie man das gerne hätte. Waiting is. Man kann das gar nicht richtig schön übersetzen in seiner Fundamentalität. Warten ist. Die Sache, die gerade IST, die jetzt gerade die Wirklichkeit darstellt, ist Warten.

Manchmal fällt dort auch der Satz “Waiting isn’t full”. Das Warten ist noch nicht voll. Auch das gefällt mir außerordentlich gut. Es macht Warten zu etwas Dinghaftem – sonst meint Warten oft, dass ein Ding noch nicht da ist, deshalb wartet man ja. Aber genauso könnte man sagen, dass das Ausatmen kein Ding ist, weil man aufs Einatmen wartet, oder dass Schlafen kein Ding ist, weil man es nur macht, während die Tage gerade nicht passieren.

Aber Warten ist sehr real, und nicht immer ist die Welt schon bereit für das, was wir uns wünschen, was wir zu können glauben oder was wir meinen, was dran wäre.

Ich muss das gerade lernen bei Inari. Ich selber würde gern weitergehen, würde gern gucken was passiert, wenn wir uns über die Schwelle trauen, die gerade vor uns liegt, aber es ist sehr deutlich, dass das für Inari gerade nicht dran ist, wohl aber irgendwann dran sein könnte. Aber, so schmerzlich das ist, jetzt gerade eben nicht.

Waiting isn’t full.

Hui, was war ich lange nicht hier. Hui. Hui. Hui. Das hat mehrere Gründe, der beste darunter folgender: Ich bin gerade mehr damit beschäftigt, den ganzen Kram im Leben anzugehen, und nicht mehr so theoretisch anzuschauen. Das hat weniger damit zu tun, dass ich jetzt in 2 bis 3 Beziehungen stecken würde (tue ich nicht), sondern viel mehr damit, dass ich mir meine eigenen Muster anschaue und reingehe. Ich habe mir einen Therapeuten gesucht, der mich dabei unterstützt, und versuche mich in einer Befreiung von Kramigkeit. Und gerade hatte ich Lust, auch das Verfassen von Texten für dieses Blog hier als Teil des “Jetzt aber ich” mit einzubeziehen.

Bei dem Projekt stelle ich fest, und das trieb mich auch wieder hier her: Ich muss mich wieder mehr mit Polyamory umgeben. Ich bin zu sehr allein auf weiter Flur, denn auch wenn ich viele Freunde habe, die irgendwie was mit den ganzen Ideen anfangen können, bräuchte ich eigentlich einen Kreis von Menschen, die eben nicht meine Partnerinnen sind, die aber die Gefühle kennen, die mich nicht in normative Strukturen stecken wollen, deren Unverständnis ich erst durchbrechen muss, bevor ich eben Verständnis bekommen kann.

Ich brauche viel mehr Strukturen, die mir erlauben, mit stolzer Haltung durch die Schwierigkeiten zu gehen, die poly sein eben so mit sich bringt. Gerade aktuell: Die Beziehung zu Ava ist vorbei, und die mit Inari ist intensiv, aber nicht so einfach. Auf der einen Seite bin ich traurig um Ava, will gucken wie es gut gehen kann, und will eben nicht hopplahopp in die Sache mit Inari springen, sozusagen als Anästhetikum. Andersherum will ich auch den Sprung mit Inari nicht bremsen, weil ich an einer Idee von Polyamory festhalte, in der alle Beziehungen auf ewig handlungsleitend sind.
Wie macht man denn sowas? Wie findet man sich da zu recht? Mein Therapeut sagt “waiting is” (nicht in diesen Worten, aber das meint er), und mein schlauer Kopf will halt etwas verfrüht aus dem Warten raus, und dadurch entsteht das Unglück. Kann sein. Aber herrje, ich hätte wirklich gern mehr Leute um mich, die das alles auch schonmal erlebt haben.

Die Wahlschwester und ich kamen im gemeinsamen Urlaub an einen Punkt, den wir auch aus Beziehungen und aus dem Leben allein kennen: Das Gefühl, dass alles sehr hohl ist, dass das Leben und die eigene Existenz leere Hülsen sind. Gerade im Kontrast dazu, dass hier im Urlaub alles perfekt ist, wird das sehr schmerzlich spürbar. Der Ort, an dem wir sind, ist traumhaft schön, wir haben endlich einmal Zeit für uns jeweils allein und auch Ruhe für unsere Freundschaft. “Aber warum bin ich dann trotzdem nicht restlos glücklich?” fragt es im Inneren und strahlt dieses Mangelgefühl als wachsendes Leid hinaus in das ganze Wesen. Gerade im Angesicht von so viel Gutem wird es einem bewusst: All dieses Gute ändert leider nichts an dem inneren Mangel.

Glücklicherweise wagte es die Wahlschwester, das Gefühl anzusprechen. Ich selber hatte es auch, litt aber still – oft hatte ich die Erfahrung gemacht, dass es eher schlimmer wird, wenn man es ausspricht. Die Nachfragen, warum es einem denn nicht gut ginge, es wäre doch toll hier, sie unterstreichen noch stärker den eigenen Mangel an situationsadäquatem Glück.

Die Wahlschwester und ich sammelten in dem sich ergebenden schönen Gespräch Situationen, in denen wir diese Leere nicht spüren (Tanz, Zärtlichkeit, Sport und derlei) und stellten fest: All dies sind Krücken. Sie ändern nichts an der Leere, sie lenken allenfalls davon ab.

Aber vielleicht, so durchgrübelten wir die Sache weiter, ist das genau die Aufgabe: Das Leben ist hohl, füll es!
Aber wieso hilft es dann denn nicht dauerhaft?

Vielleicht, dachten wir dann, ist es wie mit dem Hunger. Da klagt ja auch niemand: “Ich hab alles probiert! Möhren, Kartoffeln, sogar Fleisch, aber das sind alles nur Krücken! Die Leere kehrt immer zurück!”

Vielleicht geht es nur darum, diese Leere besser anzuerkennen. Sich zu trauen, den Hunger als Teil des eigenen Menschseins anzuerkennen und auch offen anderen gegenüber zu sein mit diesem Teil.

Wir beide neigen nämlich in Beziehungen dazu, diese Seite zu verbergen, denn wir haben mal gelernt: Beziehungen (zumindest wenn sie gut sind) stillen diesen Hunger. Wenn wir ihn also dennoch spüren, ist das Verrat an der Sache, Verrat am Partner. Dies bringt uns dazu, uns selbst und diesen Hunger zu verleugnen, denn leider ist es Quatsch, was wir gelernt haben: In Wirklichkeit stillen Beziehungen diesen Hunger nicht. Dieses Verleugnen unseres Selbst ist dann übrigens auch gleich ein Einstieg in die letztens beschriebenen Spiralen.
Zu uns zu stehen heißt auch, uns mit diesem Hunger auf jemanden einzulassen, ihn eben als Teil des Pakets zu sehen.
Dieses Dazustehen hat die Wahlschwester gewagt, und tatsächlich war sie erst dann wieder ganz für mich spürbar. Auch ich selbst konnte erst im Dazustehen wieder merken: Stimmt, wir sind uns ja wichtig, wir lieben uns.

In Liebesbeziehungen lassen wir das häufig sein (was sicher auch mit der Sehnsucht nach der einfachen Lösung zu tun hat). Kein Wunder, dass das Gefühl der Leere dann weiter wächst: Wir verleugnen da etwas. Wir nehmen uns zurück, aber “zurück” bedeutet hier natürlich “fort vom Anderen”, und das Gefühl der Distanz wächst.

Wie so oft ist der einzige Ausweg: Wagen zu Sein.

01.08.2010 15:15
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Leben

Vor geraumer Zeit ist mir eine Wandmalerei aufgefallen, die ein Kind mit eben jenem Spruch auf dem T-Shirt zeigt. Genau wie die oben abgebildete Postkarte, die ich jetzt gefunden habe, ist offenbar auch die Wandmalerei von Juju, einer Künstlerin aus Berlin. Dass Juju total wunderbare Sachen macht, ist schön, aber momentan sekundär.

Der Satz! Take Pride In Your Fears! Sei stolz auf deine Ängste!

Das ist in meinen Augen eine sehr schöne Art und Weise, Maitri zu leben, sich voll und ganz anzunehmen – und sogar nicht nur mit einem “Naja okay, so bin ich eben”, sondern mit Stolz! “Genau so unvollkommen und mangelhaft bin ich – hier bin ich! So.” Das Kind in der Zeichnung ist dabei nicht himmelhochjauchzend. Aber es sieht zäh und ernst aus, nicht traurig, sondern bestimmt. Auch sehr ruhig. Als wenn es schwer wäre, aber es wäre eben so.

Momentan, wo viele Menschen um mich herum in Krisen sind (Todesfälle, Trennungen, Verletzungen, Trauer… alles dabei) und ich selbst gerade auch oft bekümmert bin, sind mir die Gedanken rund um die Selbstliebe sehr wichtig. Manchmal überrascht mich das selbst, dass ich so bekümmert bin – Viele Leute würden mir sagen, ich wäre sehr selbstsicher, aber immer mal wieder stelle ich fest:
Nope.

Mich nimmt es mit, kritisiert zu werden für Dinge die ich nicht besser schaffe oder nicht anders kann. Ich bin unzufrieden damit, meinen inneren Idealen nicht zu genügen. Manchmal könnte ich gerne Dinge besser. Manchmal sehe ich sogar, dass ich den Idealen nicht hinterher laufen sollte und bin dann unzufrieden damit, es doch zu tun. Irgendwo bricht die Selbstliebe weg, irgendwo ist die Schwäche, wo ich es nicht mehr gut schaffe. Ich kann dabei das Wort “Angst” durchaus stehen lassen, ich glaube die meisten menschlichen Probleme kann man irgendwo als Angst einsortieren: Die Angst, das nicht zu schaffen was man gern schaffen will. Die Angst, verlassen zu werden. Die Angst, nicht so geliebt zu werden wie man ist. Das sind recht universelle Dinger.

Diese Schwächen, diese Ängste zu bemerken macht nicht so wirklich Laune, klar. Und doch weiß ich: Sich kasteien dafür, dass man so ist wie man ist, hilft gar nichts. Wir sind Mängelwesen, wie ben_ gerade so oft betont, wir haben Schwächen, wir haben Ängste, damit müssen wir leben. Nur trägt Juju diese Idee noch ein Stück weiter: Pride.

Ich bin beeindruckt.

Ava hat vor einiger Zeit etwas hier kommentiert, das ich nochmal aufgreifen möchte. Hier nochmal was sie schrieb (ein Zitat von Pema Chödrön):

In der Meditation sind wir so, wie wir sind, mit unserer Verblendung und unserer geistigen Gesundheit. Dieses vollkommene Akzeptieren unserer selbst, wie wir sind, nennt man Maitrî; es ist eine schlichte, unmittelbare Beziehung zu dem, was wir sind.
Es hilft nichts, wenn wir versuchen, uns selbst in Ordnung zu bringen. Von allen Möglichkeiten, Bodhichitta (Bodhi: “erwacht”, “erleuchtet”, “völlig offen”; Chitta: “Geist, Bewusstsein”, “Herz”, “Einstellung”) zu überdecken, benutzen wir das Uns-Selbst-Schlechtmachen am häufigsten.
Wenn wir also NICHT versuchen, uns zu ändern – heißt das, dass wir bis zu Tode zornig bleiben und an den Dingen haften müssen? Das ist eine vernünftige Frage. Das Sich-Selbst-Verbessern-Wollen funktioniert deshalb auf lange Sicht nicht, weil wir damit gegen unsere eigene Energie angehen. Selbstverbesserung mag vorübergehen etwas bewirken, aber zu dauerhafter Transformation kommt es nur, wenn wir uns selbst als Quelle von Weisheit und Mitgefühl achten. Erst, wenn wir beginnen, uns mit uns selbst anzufreunden, wird die Meditaton zu einem transformierenden Prozess. Nur wenn wir ohne alles Moralisieren, ohne Härte, ohne Täuschungsmanöver mit uns selbst umgehen, können wir von schädlichen Mustern ablassen. Ohne Maitrî wird die Ablehnung alter Gewohnheiten zu etwas, mit dem wir uns selbst schaden. Dies ist ein wichtiger Punkt.

Bumm. Das berührt mich. Es ist freies lieben mit sich selbst. Ich lasse das mal so stehen und füge noch ein Video von Pema Chödrön an, wo sie mehr davon erzählt.

[youtube]7s-rRMUl04I[/youtube]

“Form follows function” ist ein Satz aus der Designbranche – egal ob man ein Haus, eine Website, einen Stuhl, eine Fernbedienung oder einen Düsenjäger designt, die Form muss der Funktion folgen. Eine kreisrunde Fernbedienung mit unbeschrifteten Knöpfen sieht bestimmt schick aus, ist aber unbrauchbar. Ebenso ein Stuhl, der mit Schleifpapier beklebt ist, eine Website deren Menü sich immer verändert oder ein Düsenjäger-Cabriolet und gleichfalls ein Haus mit Türen von 20 cm Breite.

Das ist aber nicht nur ein Satz aus der Designbranche, das ist auch schlichte Realität. In der Natur beispielsweise: Es entsteht nur, was eine Funktion hat. Sei es Schutz, Sieg, Balz oder Hilfe. Schneckenhäuser, Vogelschnäbel, Fellfarben, Daumen. Form follows function.

Mir fiel vor kurzem auf, dass man den Satz auch für Liebesbeziehungen verstehen kann, wobei “function” da etwas kühl klingt. Aber: Jeder von uns funktioniert auf eine bestimmte Art und Weise. Dieses Funktionieren muss mit in die Beziehung rein – ich muss auch in Beziehung natürlich der Mensch sein können, der ich nunmal bin. Die Form der Beziehung muss meiner Funktionsweise Raum geben und sich um mich legen wie ein gut sitzender Anzug: Form follows function.

Ganz häufig läuft das aber nicht so, und das individuelle Funktionieren muss sich der Form unterordnen: Weil wir ein Paar sind, wollen wir jetzt auch gemeinsam wohnen. Weil ich jemanden liebe, hole ich ihn vom Zug ab. Weil ich ein guter Partner sein will, höre ich mir die langweiligsten Geschichten bis zu Ende an.

Diese Art der Lebensgestaltung, so mein Vorwurf an die Welt, läuft den Bedürfnissen der Beteiligten entgegen. Aber um diese Beteiligten geht es! Sie sind die “function”! Menschen gehen doch Beziehungen ein, weil sie einander (und für sich selbst) Gutes wollen. Wenn sie irgendwann beginnen, sich der Form entsprechend zu verhalten, achten sie nicht mehr auf sich – sie folgen in ihrer Funktion der Form.

Stattdessen sollten sie die Form gestalten, und zwar entsprechend der Funktion, also ihrer Eigenheit, ihrem Wirken in der Welt. Sie sollten das leben, was genau zu ihnen passt. Wenn sie keine Lust haben, jemandem vom Zug abzuholen, dann sollten sie sich eine Beziehung basteln, in der das nicht vorkommt. Wenn sie sich nicht gut fühlen bei hemmungslosem Sex, dann sollte es in ihrer Beziehung kein Marker von Beziehungsqualität sein, besinnungslose Körperzeit zu haben. Gleichzeitig ist dies auch die Haltung, die es meinen Partnern entgegenzubringen gilt: Ich gestalte die Form – so gut ich kann – so, dass sie darin funktionieren können.

Und “form follows function” ist dann eben nicht nur ein Designgrundsatz oder evolutionäres Prinzip, sondern maximales Ernstnehmen dessen, was man ist, lieber Umgang damit, wie man selbst und das andere nun mal funktioniert.

Dazu passt im Übrigen gut, dass der Ursprung des Satzes (laut Wikipedia) bei einem amerikanischen Architekten namens Louis Sullivan liegt, dessen Ausspruch weit über das Architektonische hinausgeht:

It is the pervading law of all things organic and inorganic,
Of all things physical and metaphysical,
Of all things human and all things super-human,
Of all true manifestations of the head,
Of the heart, of the soul,
That the life is recognizable in its expression,
That form ever follows function. This is the law.

Zu deutsch:

Es ist das alles durchdringende Gesetz aller Dinge,
ob organisch oder nicht organisch,
ob physisch oder metaphysisch,
ob menschlich oder übermenschlich,
aller wahren Manifestationen des Kopfes,
des Herzens, der Seele,
dass das Leben in seinem Ausdruck erkennbar ist,
dass die Form immer der Funktion folgt. Dies ist das Gesetz.

Mir begegnet in jüngster Zeit, wo ich mit Ava in einer recht großen Krise stecke (ungefähr eine 6,5 auf der Richter-Skala), immer wieder ein Missverständnis, das mich ärgert. Ich erzähle dann Menschen davon, dass wir da an einem schwierigen Punkt sind, und eine der ersten Reaktionen ist eine Variante von “Naja, das ist ja sicher auch schwer mit dem Poly-Kram”. Oder, was ich noch brutaler finde “Vielleicht ist die Ava eben doch an einer monogamen Sache interessiert”.

Beides geht an der Realität vorbei, dass uns allen in Beziehung Dinge widerfahren, wir uns mit uns selbst auseinander setzen, weil wir eben in Beziehung stehen. Wir erleben uns darin. Der erste Einwurf (“poly macht das sicher schwierig”) schiebt jede Schwierigkeit auf die Polyamory, was nicht nur frech ist (weil es Poly irgendwie angreift) sondern vor allem respektlos (weil es mein Erleben auf den Lifestyle reduziert, weil es nicht anerkennt, dass im Einlassen die krassen Sachen geschehen.

Der zweite Einwurf (“Ava ist doch monogam”) macht das gleiche, und noch oben drauf unterstellt er Ava, sie wüsste nicht, was sie täte. Dahinter steckt die Annahme, dass Polyamory eine so grundsätzlich schlechte und perfide Idee ist, dass man da drin total kaputt gehen muss, dass man sich unversehens in einem schlimmen Chaos widerfindet. Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um.

Man stelle sich vor, Lesben und Schwulen würde bei jeder Beziehungskrise unterstellt, ihr Partner sei eben vielleicht doch hetero, oder bei jeder Schwierigkeit hieße es: Naja, ist ja sicher auch schwierig, so mit zwei Frauen (oder eben zwei Männern).

Oder, noch besser, man stelle sich vor ich würde auf die Krisen von vanilla mono Heteros und Heteras immer fragen, ob sie denn sicher wären, dass ihre Partner nicht kinky/ schwulesbisch/ poly sind, und ob das nicht ohnehin schwer wäre so monogam.

Das ist doch alles nicht loving und respecting, das ist doch in Unverständnis gewickelte Missachtung.

Fucking frozen hell. Es ist eine 6,5 – ich brauche Zuspruch und Unterstützung, und was bekomme ich? Dummes Infragestellen meiner emotionalen Identität.

Es frühlingt, die Krusten brechen auf, man streckt die Fühler aus… aber seien wir ehrlich, es ist durchaus noch kühl. Ich jedenfalls merke, wie die Veränderungsprozesse losgehen (Aufbruch! Wandel! Erneuerung!) und ich förmlich sehen kann, wie sie mich durch den Fleischwolf drehen (Scheiße! Schwierig! Altbekannt!).

Gestern hatte ich den Gedanken, dass diese ganze Idee von Veränderug und Entwicklung vielleicht Unfug ist. Der Entwicklungsgedanke war vor einiger Zeit schonmal Thema bei mir (nicht gebloggt), und da ging es vor allem darum, wie sehr er im Subtext immer bedeutet, dass man nicht in Ordnung ist, wie man ist. Wenn ich das nämlich mehr glaube, brauch ich keine Therapie, kein Yoga, keine persönlichen Fortschritte: Dann bin ich einfach ich.

Das ist natürlich überhaupt nicht einfach, sondern schwer, womit wir zum heutigen Gedanken kommen. Der baut auf dem alten auf.

Vielleicht, so dachte ich, gibt es überhaupt keine Entwicklung. Okay, vielleicht in der Pubertät, da hat sich schon viel getan, aber vielleicht geht es später nicht darum, etwas zu lernen, sich zu verändern, sondern vielleicht geht es nur darum, mit sich selber umzugehen (Randnotiz: Pubertät könnte man sogar auch so verstehen).

Man findet ja immer mehr über sich heraus, und vielleicht geht es nur darum, diese ganzen Erkenntnisse angemessen zu behandeln. “Oh, ich bin empfindlich?” kann heißen “Ich will Stärke lernen” oder eben “Wow, dann sollte ich vorsichtig sein”. Wenn ich mein Sein als grundlegend gut betrachte, und nicht als defizitär, dann bleibt mir nur der liebevolle Umgang mit mir.
Ich schiebe Filme bei einem bestimmten Thema? Da sollte ich schön langsam machen und gut auf mich aufpassen.
Ich reagiere über, wenn man mich kränkt? Mehr Leute, die mich liebevoll behandeln und mir erlauben, gekränkt zu sein.

Das soll nicht unbedingt heißen, dass man sich nicht verändern darf. Eher, dass man es nicht muss. Man muss nur mit sich umgehen.

Ich habe den Anspruch an mich selbst, mein Leben selbst in die Hand zu nehmen, es zu gestalten. Nicht gelebt zu werden, sondern eben zu leben. Die Gedanken aus dem hervorragenden hard science-fiction Roman “Parable of the Sower” passen sehr gut dazu. Darin entwickelt die Protagonistin eine sehr glaubbare Religion um dem zentralen Satz: God is change. Gott ist Wandel. Und die angemessenste Form des Dienstes an diesem Gott ist, den Wandel zu gestalten, Teil des Wandels zu sein.

Pray to focus your thoughts,
still your fears,
strengthen your purpose.
Respect God.
Shape God.

Diesem Gestalten meines Lebens steht einiges entgegen. Immer zwischendurch erscheint mir das alles zu groß, zu schwierig, zu viel für ein armes kleines Menschlein allein. Oder ich fühle mich einfach zu faul, möchte mich zu gern einrichten in den Status Quo in dem naiven Wunsch, irgendwie wird es schon alles, und ich möchte nicht ständig ackern.

Wie will ich wohnen? Wie will ich leben und lieben? Das steht gerade an, und ich merke, die Gestaltung dieser Lebensbereiche ist quite challenging. Zwei Frauen, die ich liebe, mit denen gerade mehr eingestiegen wird in die Prozesse (von mir und ihnen), was mich umso mehr in die Situation bringt, es gestalten zu wollen, ja: gestalten zu müssen. Die Energie in diesen Prozessen ist wie eine Flut: Wenn ich keine Kanäle grabe, läuft sie sonstwohin und überschwemmt alles, was mühsam großgezogen wurde. Aber ich will die Prozesse kultivieren, ich brauche gute Gräben, ich will keine Auenlandschaft und dann mal sehen wie’s wird. Wasser ist gut, aber es muss gelenkt werden.

The Self must create
Its own reasons for being.
To shape God,
Shape Self.

Ich weiß gar nicht, wo ich hin will mit diesem Artikel. Ich glaube, ich will einmal deutlich machen:

Alter, alles muss gestaltet werden, alles muss gebaut werden, das eigene Leben wartet nicht im nächsten Tag, es wird in jedem neuen Heute aus dem Boden gestampft, und verdammtnochmal, das ist aber oft auch wirklich eine harte Arbeit.

Nicht, dass ich das gerne anders hätte. Es ist richtig, genau wie es ist. Ich wünschte nur, ich hätte ein bisschen mehr Power dafür, und könnte es besser.

As wind,
As water,
As fire,
As life,
God
Is both creative and destructive,
Demanding and yielding,
Sculptor and clay.
God is Infinite Potential:
God is Change.

Ich neige in Beziehungen dazu, mich zu verbiegen, und mich ein Stück weit zu verändern, damit ich – angenommenerweise – ein bisschen liebenswerter bin. Dazu mache ich gerade, wo ich ja in zwei Menschen verliebt bin und mich in Beziehung fühle, eine spannende Beobachtung: Es wird leichter. Die Tendenz ist immer noch da, aber es ist ein bisschen so, als wären da jetzt zwei Impulse mich zu verbiegen, und dadurch entsteht so ein Hin-und-Her, sodass ich viel öfter bei mir in der Mitte vorbeikomme.

Das ist natürlich total bescheuert und nur eine Krücke, solange das noch nicht so gut von alleine geht, aber es klappt ganz gut. Weil es, ganz nah an der gerade eingeworfenen Metapher, tatsächlich so ist, dass ich zunächst innerhalb meines Musters sowas denke wie “Oh, an dem Abend könnte ich zwar was mit dir machen, aber ich will auch noch Zeit für sie haben…”. Das ist innerhalb meiner Tendenz, alles richtig zu machen. Aber während ich dann sage “Ne, ich möchte dich erst dann-und-dann sehen, ich brauch noch Zeit für mich und Inari (oder eben für mich und Ava)” stelle ich in mir fest: Oh, vor allem brauch ich auch noch Zeit für mich.

Noch nicht am Ziel, aber recht hilfreich.