*anselbstbastel*
Archiv für March 2006
Ja, ich weiß, ziemlich hochtrabend. Aber sein wir mal ehrlich, um den geht’s doch, immer und überall.
Ich für meinen Teil bin ja dieses Jahr bislang zum Einen sehr von der Frage umgetrieben, was denn eigentlich “das gute Leben” ist, wie ich so zu leben habe, damit ich immer sagen kann “Ja, J., genau so ist es richtig”, und zum Anderen (nicht ganz zu trennen) die Frage nach Beruf und Berufung.
In eben jenem arbeite ich ja mittlerweile mit Klienten, sowohl als Berater wie auch im Team. So langsam häufen sich die Klienten, wo ich tatsächlich den ganzen Beratungsverlauf so mitbekomme, und ich stelle fest:
Die Probleme, mit denen die Leute kommen, sind recht unterschiedlich. Aber die Lösungen, die sie wollen, die Ziele, die sie haben, waren bisher ausnahmslos fast die Gleichen.
“Ich müsste mir selbst wieder näher kommen.”
“Ich möchte ich selbst sein.”
“Es geht um den Kern.”
Irgendwo in uns wartet etwas auf uns, es ruft mit seidenbestrumpfter Stimme und lockt uns. Und solange wir nicht da sind, werden wir nicht so recht froh, scheint mir.
Vielleicht ist das eine Scheinsuche. Vielleicht ist das, was da so lockend klingt, in Wirklichkeit nur das Echo der eigenen Unzufriedenheit, des Gefühls von “Das kann’s ja wohl noch nicht sein”.
Vielleicht ist es aber auch mehr.
“Wie im Himmel” spielt in einer ähnlichen Liga wie “Urlaub vom Leben“, spielt aber teils ein anderes Spiel.
Urlaub vom Leben geht von der Alltäglichkeit aus und entdeckt darin die Schönheit. Gleichzeitig wird eben jene Schönheit als schwer zu sehen beschrieben, und als Geheimnis, das zwar alle kennen, aber niemand verrät.
Wie im Himmel illustriert die Alltäglichkeit als Kontrast zu hochtrabenden Träumen, und bricht erst mit einem Alltäglichkeitsideal, indem es Schicksale einstreut, aber schlussendlich kommt auch Wie im Himmel zur gleichen Folgerung.
Thema ist in beiden Filmen (und wie eigentlich in jedem guten Film) das, was Menschen menschlich macht, und Kay Pollak (Regie) lässt die Musik die Erzählerin sein.
Und wie sie erzählt… obwohl der Film insgesamt pompöser daherkommt, und es sicherlich Menschen gibt, die ihn kitschig oder gar platt finden, er trifft einfach mittenrein.
Ich empfehle ihn sehr – ich finde gerade nicht so schöne und beeindruckte Worte wie für Urlaub vom Leben, aber ich habe selten in einem Film so viel geweint, obwohl er nicht traurig war.
Aber auch hier ist es vor allem die Charakterentwicklung, die den Film trägt, wieder ist es eine eigentlich schlichte Geschichte, die mich bewegt, weil die Menschen darin einfach Menschen sind.
What Menschsein is all about.
man würde fast von ihnen blind.

Inklusive Heiligenschein.
Wenn Kunst die Semantifizierung des Nichtsemantischen ist, dann ist eine Werbeanzeige ohne Werbung Antikunst.
Was bleibt, ist nur die Form. Schon seit 4 Tagen.
Gleichzeitig werden aber natürlich die 8 Leuchtstoffröhren zu einem Mahnmal der Sinnlosigkeit von Werbung, und damit sind sie dann eigentlich doch wieder Kunst.
Leider, muss ich wohl sagen, denn es schränkt meine literarischen Fähigkeiten doch arg ein, glaube ich, leider bin ich weder ausgestattet mit, noch interessiert an einer Entwurf-Funktion hier im Blog.
Ich schreibe folglich immer frei heraus, und entdecke noch beim Schreiben Punkte, die ich erwähnenswert finde.
Der Stil ist dadurch oft nur gering durch einen roten Faden geprägt, dafür ist das Geschriebene hoch valide. Nun ja.
Jedenfalls gehe ich davon aus, dass beim jetzt kommenden Thema eben jene Schreibeigenart recht verhängnisvoll sein könnte, denn es wird kompliziert.
Aber was soll’s, ich geh mal rein.
Ben und ich diskutierten aus gegebenem Anlass über die GEZ-Gebühr für Rechner, denn er und ich sind da unterschiedlicher Meinung.
Ben geht es um die Ergebnisgerechtigkeit: Öffentlich-rechtliche Informationsangebote sind eine gute, unterstützenswerte Sache, auch das Internetangebot ist super, eigentlich sollten die von allen Steuerzahlen bezahlt werden, warum also keine Gebühr auf PCs?
Mir geht es vor allem um die Verfahrensgerechtigkeit. Öffentlich-rechtliche Angebote mögen angebracht sein oder nicht, es geht nicht an, dass zu welchem Zweck auch immer mein PC und vor allem das wunderbare Internet vor den Karren einer Gebühreneinzugszentrale gespannt werden.
Wir sind zu einer Einigung gekommen: Einkommenssteuer raufsetzen und GEZ abschaffen. Das passt ihm, weil das Bildungsangebot finanziert wird, und mir, weil es auf eine angemessene Art geschieht: Alle, die Geld verdienen, finanzieren das Angebot, und zwar abhängig davon, wie reich sie so sind.
(Hier kurz mal: Es geht mir sehr quer, dass jetzt die Mehrwertsteuer erhöht wird, und nicht die Einkommenssteuer… so ein Ärger!).
Jedenfalls warf Ben in der Diskussion auf, dass es zwei unvereinbare Positionen dazu gibt:
Freiheit und Gleichheit.
Das sind in diesem Beispiel die Freiheit, sich zu entscheiden, ob man GEZ bezahlt oder nicht, ob man Bildung will oder nicht, also eine individualistische Entscheidung, und zum Anderen die Gleichheit, dass diese Gesellschaft (nicht der Staat) entschieden hat, Bildung sei ein wichtiges Gut, dass allen Menschen in dieser Gesellschaft zukommen sollte.
Ben hat vorgeschlagen, das Thema mal “auszubloggen”, was beim Männerthema sehr spannend war. Damals endete allerdings die Diskussion mit der Erkenntnis, dass wir eigentlich über zwei unterschiedliche Dinge gesprochen hatten: Ich über Männer vs. Frauen, also über Gender, er über Männer vs. Knaben, also Erwachsensein.
Damit uns das diesmal nicht wieder passiert, spiele ich den Ball rüber zu AnmutUndDemut, um dort mal die Ausgangsposition zu erfragen, bevor ich weiter an den Begriffen herumspiele.
Ben, bitte.
Ein “Internet-PC” ist ein Computer, der ans Internet angeschlossen ist, und in meinen Augen ist ja ein Computer auch erst dann ein richtiger Computer.
Alles andere ist eine Schreibmaschine oder ein Taschenrechner.
Dieser Umstand, den offenbar viele Mitmenschen teilen, führt natürlich dazu, dass hierzulande sicherlich jeder 2. PC ein PC mit Internet-Anschluss ist, was wiederum dazu führt, dass die GEZ sich überlegt hat, ab 1.1.2007 Gebühren wie für einen Fernseher dafür zu verlangen, immerhin kann man ja mit einem Computer auch fernsehen, und auch Radio hören.
Hach, ich komme in letzter Zeit aus dem Aufregen überhaupt nicht mehr raus, hier im Blog. Erst die Ächtung der Mehrehe, dann die National Security Strategy, und dann diese Abzocke…
Ich habe meiner Bundestagsabgeordneten bereits eine Mail geschrieben, und werde demnächst noch einigen weiteren Leuten schreiben, weil es wirklich ganz schrecklich ist, aus drei Gründen.
Unverhältnismäßigkeit
Unverhältnismäßig ist eine Gebührenpflicht für den Internetanschluss in zweierlei Hinsicht:
- Die Nutzung des öffentlich-rechtlichen Angebote ist mit Blick auf das gesamte Surfverhalten verschwindend gering. Viele User nutzen ihren Internet-Anschluss sicherlich, ohne jemals öffentlich-rechtliche Angebote zu nutzen.
- Das Angebot selber, das die Gebührenpflicht rechtfertigen soll, stellt in MB vielleicht gerade mal 0,1% des gesamten Volumens allein auf deutschen Servern dar.
Insofern ist sowohl das Angebot wie auch die vorrausgesetzte Nutzung winzig im Vergleich zu dem, was mit dem “Internet-PC” möglich ist.
Technische Lüge
Radio und Fernseher sind tatsächlich Empfangsgeräte. Auch wenn es beim Fernseher schon kritisch wird, wegen Video- und DVD-Technologie, im Grunde dienen diese Geräte tatsächlich dazu, Programme zu empfangen, und niemand kann die Besitzer davon abhalten, das auch zu tun – also wird eine Gebühr erhoben, für die Möglichkeit.
Im Unterschied dazu wäre es ein Leichtes, die öffentlich-rechtlichen Angebote im Netz (die meiner Meinung nach ohnehin schon nicht Auftrag der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten sind, sondern selbst gewählter Zusatz) mit einem Passwort zu versehen, dass die GEZ den zahlenden Kunden zukommen lässt.
Eine pauschale Gebühr für die Möglichkeit zu verlangen verrückt die Verantwortung für das Angebot fälschlicherweise auf die Kunden.
Rezipientenfreiheit
Im Grundgesetz (Artikel 5 (1)) findet sich folgender Passus:
Das Internet spiegelt den Geist dieses Gesetzes in Formvollendung wieder – Beispiele sind Blogs aus China und dem Irak, die Wikipedia, das Usenet und IRC. Menschen informieren sich gegenseitig. Das ist ganz wunderbar demokratisch.
Eine Gebühr für die Internetnutzung wäre (neben der Tatsache, dass sie aus oben genannten Gründen unverhältnismäßig und unnötig ist) ein Hindernis.
Das ist natürlich beim Fernsehen und Radio auch der Fall, aber die oben genannten 2 Argumente sollten deutlich gemacht haben, warum ein Computer eben weder Radio noch Fernseher ist.
Fernseher und Radio sind in erster Linie Verbreitungsmedien, Informationsträger sind Wellen, die aus technischen Gründen für jeden mit Empfangsgerät verfügbar sind.
Ein Computer (mit Internet) ist in erster Linie ein Kommunikationsmedium, und Server sind Träger der Kommunikation. Wer sich entscheidet, einen Server mit Inhalt zu vefüllen, entscheidet sich zur Kommunikation, will also Rezipienten.
Wer das nicht will, muss seinen Server exklusiv gestalten (bspw. durch Passwortschutz) oder sein Angebot vom Netz nehmen.
Die Argumentationsrichtung ist völlig verkehrt: Fernseh- und Radiosignale werden gesendet, und der Kunde entscheidet, sie zu empfangen. Dafür muss er bezahlen.
Das Internet ist aber schon da, und die Öffentlich-Rechtlichen haben sich entschieden, es zu nutzen. Dafür sollen wir auch zahlen?
Ich denke nicht.
Wer will, kann gerne den Text oder Passagen daraus nutzen, um eine e-mail oder einen Brief nach Berlin oder Brüssel zu schicken. Ich werde das auch noch tun. Mann, so ne kapitalistische Scheiße.
Weitere Information gibt es bei Heise, und auf der sehr umfangreichen Seite von Tobias Speidel. Ich rufe hiermit zum Protest auf. Spread the Word.
Aktuelle National Security Strategie der USA (Section II)
Na, das ist ja mal gut, dass Liberty und Justice so klar und kulturfrei definierbar sind. Immer ran an die Arbeit.
Und die Conclusion ist noch druffer, oh je.
Großer Gott, es gibt überhaupt keinen Satz, den ich unter diese Hybris schreiben könnte, der auch nur … ja, ne scheiße, es gibt wirklich keinen… Wie sie “America” sagen und nur den Norden meinen. Wie sie “national” sagen und global meinen. Wie sie “idealistic” und “realistic” sagen, und “der Zweck heiligt die Mittel” meinen…
Ich mag die Verrückten, und je länger ich mich mit Psychotherapie, und -beratung und ein bisschen mit Psychopathologie beschäftige, mit einer konstruktivistischen Sicht darauf, einer systemischen, umso mehr mag ich sie.
“Veronika beschließt zu sterben” ist ein gutes Buch, um zu verstehen, was an Verrückten so schön ist, und ist nebenher eins der wenigen Bücher, die ich uneingeschränkt empfehlen würde, völlig gleich, was man sonst so liest. Gut, der manchmal etwas ausschweifende Stil von Coelho muss einem gefallen, aber der ganze Rest passt einfach, bewegt etwas in einem drin, und erschließt einem die Verrückten.
Gerade eben stand jemand an der Bahn, ging in weiten Kreisen um seine abgelegte Tasche, warf gelegentlich den Kopf hin und her und sprach mit sich selbst.
Ich musste lächeln. Er ist dann nach einer Weile rumstehen und mit sich selber reden wieder weitergezogen, ich glaube er wollte zu gar keiner Bahn.
Sah nett aus.
Im Karikaturenstreit vertrat ich bisher so grob die Meinung, dass zwar der Abdruck der Zeichnungen unbesonnen und pietätlos war, dass aber vor allem die Reaktionen, die ja durch Anstachelungen, so wurde gesagt, verstärkt wurden, völliger Unfug seien.
Die Meinungsfreiheit, so befand ich, wäre nämlich wirklich wichtig, und man hätte es vielleicht diesmal nicht so drauf anlegen müssen, aber theoretisch wäre das schon rechtens.
Wenn ich dann aber lese, dass in Dänemark Verunglimpfungen der christlichen Kultur polizeilich verhindert wurden, und zu was für Äußerungen sich Politiker völlig normalen Couleurs versteigen, dann wird mir ganz schwummrig.
Sehr gutes Dossier in der Zeit.
Bei der politischen Linie verdient die Politik selbst in meinen Augen ein paar Sanktionen. Plötzlich finde ich den Boykott dänischer Produkte ganz gut, auch wenn er bislang eher aus Meinungsmache und nicht aus Meinungsbildung entstand.
Mal sehen, was nächste Woche die Leserbriefe so sagen (die Kommentare auf der Homepage brennen jetzt schon), aber Dänemark ist in meiner Gunst arg gesunken.
Necla Kelek ist seit 1968 in Deutschland und lebte aber hier in ihrer Familie, die, so fern der Heimat, sehr strengen muslimischen Regeln folgte.
Das sagt man ja oft, dass die Türken hier weitaus religiöser sind, also ernsthafter religiös, als in der Türkei, keine Ahnung ob das stimmt.
Frau Kelek ist Frauenrechtlerin und Soziologin, was sie ja durchaus qualifiziert, zur Rolle türkischer Frauen und zu Integration in Deutschland allgemein etwas zu sagen.
Ich bin ja leider immer nicht so richtig auf dem Laufenden, was das Weltgeschehen anbetrifft. Manchmal springt mir eine Schlagzeile aus dem Newsfeed der Tagesschau ins Auge, aber fernsehen tu ich nicht, und ich habe auch nur eine Wochenzeitung, namentlich die Zeit.
In jener wird mir berichtet, und wenn ihr wollt auch euch, dass Necla Kelek arg polarisiert momentan, weil sie sich recht rigoros für ein paar bestimmte Schritte in der Integrationspolitik einsetzt.
Viele davon (sie stehen nämlich in den Artikel) nickte ich beim Lesen ab, und dachte, Ja genau, stimmt, das macht Deutschland aus, irgendwie Grundgesetz, oder so.
Gewalt und Rassismus werden nicht geduldet, von und an niemand eingewandertem, die Schule ist Sozialisationsinstrument und somit muss Enkulturation dort stattfinden, was zum Beispiel heißt, dass dort Deutsch gesprochen wird, und dass Sportunterricht und Sexualkunde halt Pflichtfächer sind.
Heirat muss freiwillig sein, und Polygamie ist ein Grund, die Aufenthaltsgenehmigung zu entziehen.
Huh?
Necla Kelek
Ja… Äh. Hui. Ich hab dann auch die anderen Sachen nochmal vorsichtiger und mit weniger Nicken gelesen.

Jean Auguste Dominique, Turkish Bath
Es gibt zwei große Stichworte, die in diesem Zusammenhang zu nennen sind, Kulturrelativismus und Validität.
Kulturrelativismus
Das hat einerseits aufklärerische Gründe – ich halte es für zeitgemäß (Argumentation vorstellen: Die heutige Zeit, Globalisierung, Culture Clash vermeiden), Pluralismus auszuhalten. Bei aller Demokratisierung von Staaten muss auch das Weltgefüge demokratisch bleiben und Minderheiten, die anders denken, müssen ausgehalten werden, auch wenn sie unbequem sind.
Genau jene Gedanken spiegelt im Inneren, und ums Innere geht es ja, das Grundgesetz in den Artikeln 2 bis 4 wider.
Der Mensch ist in der Persönlichkeitsentfaltung frei, darf nicht diskriminiert werden, und Glaube spielt sowieso außer Konkurrenz. Säkulärer Staat hin oder her, das heißt ja nicht, dass Religion weg soll, sondern dass Staat und Religion getrennt sind.
Eben jene Rechte haben auch Immigranten, weil das halt im Grundgesetz steht. Es mag dann eindrucksvoll sein, wenn eine türkische (!) Frauenrechtlerin (!) solche Dinge fordert, aber es hiflt nichts, ein paar Sachen ecken da etwas an. Zum Beispiel Zwang zum Schwimmunterricht. Da muss man schon abwägen.
Oder eben (ihr habt es euch sicher schon gedacht, dass es darum gehen würde), die Vielehe.
Okay, Sittengesetz. Die Wikipedia verrät mir, dass das nicht im eigentlichen Sinne ein Gesetz ist (as in: irgendwo gesetzt, also geschrieben), sondern nur die Gesellschaftsmoral betrifft.

Schicker Hijab.
Das macht das ganze etwas schwierig, sehe ich ein, aber ich möchte das mal mit einem Handstreich fortfegen und darauf hinweisen, dass sexuelle Normen sich eh grad alle öffnen (BDSM, Homosexualität), und da ist es nur fair, wenn Poly da auch rein darf.
Heißt für mich: Solange eine Vielweibererei nicht gegen den Artikel 3, Absatz 2 (“Männer und Frauen sind gleichberechtigt”) verstößt, hat da kein Immigrationspolitiker was dran zu wollen.
Validität
Das hat mich schon bei der Idee des Sprach- und Kulturtests gestört. In kurzen Worten: Mindestens 1 Drittel der Deutschen würde den Einbürgerungstest nicht bestehen, so meine Prognose, sei es wegen sprachlicher oder historischer Defizite. Mal ehrlich, die Leute die die Tests fordern und entwickeln sind doch Bildungselite.
Insofern ist es kein valider Test, um Berechtigung zum Deutschsein zu ermitteln, denn er misst nicht das, was er zu messen vorgibt: Deutsche Werte, deutsche Fähigkeiten.
Er misst stattdessen ein Ideal, zu deutsch: einen Wunschtraum von Gesellschaftsmachern wie Frau Kelek, wie das denn hier laufen müsste.
Diese Wünsche sind erstmal auch ganz nett, aber (a) können wir nicht schon wieder Ausländer ins Land holen, damit sie die Dreckarbeit machen (die Gastarbeiter aus den 60ern haben Kohle gefördert, und die Gastidealisten von jetzt sollen unsere Gesellschaft fördern), und vor allem (b) sind das nicht jedermanns Wünsche (das Thema Demokratie und Kulturrelativismus hatten wir ja schon).
Ich würde nämlich auch gehen müssen, bei dem Test vielleicht nicht, aber bei den Regeln von Frau Kelek, ich bin ja poly. Schlimm genug, dass bald die Sozialversicherungen ahnden werden, was ich als Persönlichkeitsrecht begreife (§2 (1), s.o.), aber dass ich gleich ausgewiesen würde…
Bin ich denn so ein schlechter Deutscher? Schade.
Piaget sprach immer davon, dass Kinder die Welt begreifen müssten, um sie zu begreifen. Also anfassen, um sie zu verstehen.
Ich selbst kenne das zum Einen auch von mir und der Welt – vom ersten Schnee muss ich immer eine Handvoll in meiner Hand zerschmelzen lassen, und an gefrorenem Tau komme ich auch nicht vorbei – aber vor allem von mir und den Menschen.
Sobald ich beginne, Menschen zu mögen, möchte ich sie berühren, und vorhin fiel mir ein, dass Piagets Ausdruck bei mir auch ganz gut passt.
Denn der Wunsch, die Menschen zu berühren, entspringt dem Wunsch, sie besser zu verstehen – dafür muss ich sie begreifen.
Auch das Wort “Gefühl” trägt diese Doppeldeutigkeit in sich, fühlen tut man mit dem Herzen und den Händen gleichermaßen.
Ich lese momentan wieder “Narziss und Goldmund” von Hermann Hesse, und Narziss und Goldmund sind eigentlich gegensätzlich, wie es nur geht. Narziss ist ein Denker, ein Analytiker, er liebt das Wort und die Logik, während Goldmund ein Sinnenmensch ist, einer, der das Leben trinken will, der auf seinen Wanderschaften das Leben versteht, in dem er friert, berührt, schaut, und vor allem mit Frauen die Nächte verbringt.
“Er betrachtete mit immer neuem Entzücken die unendlich verschiedenen Arten, wie ein Kopf auf einem Halse sitzen, eine Stirn sich vom Haarwuchs sondern, eine Kniescheibe sich bewegen konnte. Er lernte im Dunkeln, mit geschlossenen Augen, mit zart prüfenden Fingern eine Art Frauenhaar von der andern unterscheiden, eine Art von Haut und Flaum von der andern. Er begann zu merken, schon früh, dass vielleicht hierin der Sinn seiner Wanderschaft liege, dass er vielleicht deshalb von einer Frau zur andern getrieben werde, damit er diese Fähigkeit des Kennens und Unterscheidens immer feiner, immer vielfältiger und tiefer erlerne und übe. [...]
Mochte er für Latein und Logik zwar fähig, aber nicht in besonderer, erstaunlicher, seltener Weise begabt sein – für die Liebe, für das Spiel mit den Frauen war er es.”
Mit dem Wissen, das er so erlangt, und zwar sowohl über das, was die Menschen außen, wie auch das, was sie innen schön macht, wird er später Künstler, und auch hier findet sich der mir so lieb gewordene Gedanke: Er erfährt Nacktheit, und die befähigt ihn, gute Kunst zu machen.
Jedenfalls gefällt mir das. Hier in Deutschland fasst man sich sehr wenig an, das ist schade. Ich spreche gar nicht von den intimen, zärtlichen Berührungen, wie Goldmund sie erfährt und sucht, ich spreche von jeglicher Berührung als Ausdruck von etwas, von Nähe, Zuneigung, Wunsch, … Sexualität ist nur ein Ausdruck unter so, so vielen, aber irgendwie wird dieser immer am ehesten verstanden, leider. Ich drücke mich nämlich häufig körperlich aus, und werde dann gelegentlich gefragt, ob ich das eigentlich für mich oder für die berührte Person mache.
Diese Frage impliziert, dass man sich Berührungen “holt”, “bekommt”, man gibt sie nicht, man nimmt sie.
Aber das stimmt gar nicht.
Soeben habe ich eine Klientin abgelehnt.
Ich habe keine Ahnung, worum genau es geht, ich wusste nur, ihr Freund hat sie betrogen, sie ist eifersüchtig und ist momentan dabei, ihn zu kontrollieren.
Viele mögliche Richtungen wären mit mir wohl auch möglich gewesen, zum Beispiel zu schauen, was das mit ihr gemacht hat, dass er unehrlich war, was es ihr gibt, ihn zu kontrollieren und solche Sachen.
Aber allein die Tatsache, dass ich, in meiner Haltung des Nichtwissens und der Kooperation, hätte hinnehmen müssen, dass ihre Eifersucht für sie halt ganz was Anderes bedeutet als sie es für mich tut, dass zum Beispiel für sie die Eifersucht etwas ist, was der Freund mit ihr anstellt, und nichts, was sie hat, hat mich den Auftrag an einen Kollegen abtreten lassen.
Einerseits stehe ich total hinter dieser Entscheidung. Ich habe Zweifel, ob ich die bestmögliche Beratung anbieten kann, ein Kollege hat Ressourcen frei, wunderbar.
Andererseits will ich bei diesem Thema eigentlich nicht befangen sein, aus ganz vielen Gründen. Erstens ist es ein häufiges Thema, ich lege mich wirtschaftlich völlig lahm, wenn ich das auf ewig ausschließe. Zweitens habe ich ein super Hintergrundwissen zum Thema und habe mich sicherlich eingängiger damit beschäftigt als manch anderer Therapiemensch. Drittens will ich mich vor allem nicht mit meinen Meinungen selber ausgrenzen, das passiert mir ja schon von außen viel zu oft.
Ach, vielleicht hätt ich das doch machen sollen… Schlimmstenfalls hätte ich gesagt “Tut mir leid, ich denke so fundamental anders über diese Dinge, ich glaube nicht, dass ich Ihnen ein guter Berater wäre”, und viel wahrscheinlicher hätte ich einfach mein Nichtwissen in einer Situation geprobt, in der es mir halt ein bisschen schwerer gefallen wäre, und vielleicht hätte meine andere Sicht auch eine ganz spannende Dynamik entwickelt…
Neele Leana Vollmar ist zwei Jahre älter als ich und hat einen Film gemacht.
Ich sage das nicht leichtfertig, viele Leute machen, obwohl sie Filmemacher sind, etwas ganz anderes: zuviel Tamtam, einem Schande, Schlag ins Wasser.
Neele Leana Vollmar erzählt in “Urlaub vom Leben” die Geschichte eines Mannes, der Urlaub bekommt, nicht damit umzugehen weiß, und nun schonungslos mit seinem schwierigen Privatleben konfrontiert ist.
Klingt beinahe etwas schlicht, die Geschichte.
Aber wie sie das erzählt! Es ist ein Film, wirklich, das ganze Ding hat keine Szene zuviel, in jeder versteht man mehr über die Menschen, mehr über die Zusammenhänge, und Frau Vollmar, oder meinetwegen auch der Pascal Schmit (Kamera), zieht die Einstellungen aus dem Holfter wie im Duell, und mit jedem Schuss erblühen Metaphern, die so universell wie einfach sind.
Zack, zack, zack – Supermarktregal, Bus, Taxi – Überforderung, Vergangenheit, Hoffnung. Pffh, Knarre auspusten, Duell erledigt, gewonnen.
Jedes Bild (Und AuD spricht sinngemäß zu Recht: “Ein gutes Bild ist ein Schlüssel zu einem ganzen [U]niversum“) ist aufgeladen mit Semantik, obwohl nichts darin ist, nichts außer all der Dinge, die schon immer da waren, die man so gut kennt, dass sie einem öde werden: Nämlich dem Leben.
Der Film nimmt viele dieser Dinge und Begebenheiten, und schickt sie in Urlaub, nur dass sie dadurch nicht fort sind, nicht entfernt, sondern ganz nah an sich, an ihrem Wesen, und endlich versteht man, was dahinter ist.

Gustav P. Wöhler
Nebst der Bilder sind es die Figuren, wo man immer das “dahinter” spürt, ohne dass es wirklich oft auftaucht, vor allem ohne dass es erklärt wird.

Meret Becker
Und genau das ist ja eben das Leben, ist vor allem das Leben mit anderen Menschen: Hinter jedem Menschen wartet eine Geschichte, ein Schicksal meinetwegen, zumindest eine Pointe, auch ohne dass sie erzählt wird, sie ist einfach da, und irgendwie schafft Neele Vollmar es, diese … ja, diese Präsenz, im eigentlichen Wortsinne, diese große Präsenz einzufangen, und auch die Schauspieler schaffen es, jeder auf seine Weise.
Gustav Peter Wöhler dadurch, dass er eigentlich fast nichts tut, und so die Dinge, die er dann tut, auflädt und auflädt mit Energie, Meret Becker dadurch, dass sie tiefe, schöne Dinge ausspricht in einer Oberflächlichkeit, die irgendwo zwischen Nonchalance und Nebensächlichkeit liegt. Ich habe lange darüber nachgedacht, was ihre Sätze (Drehbuch übrigens Janko Haschemian, die Sätze kommen ja irgendwoher) so schön macht, und ich glaube, sie spricht die Dinge einfach aus, bei denen man eigentlich Pausen erwartet, Zögern, Stocken, eben Nachdenken, aber all dies tut sie erst, wenn der Satz schon gesprochen ist. Wahrheit sagen, sacken lassen. Und die ganze Zeit schaut sie so, als wäre sie selbst der gute Einfall, den man gerade hatte.
Hach, ich kann mich gar nicht sattreden! Im Film sind so unglaublich viele kleine Metaphern und Bilder und Wahrheiten und Kunstgriffe, ist, und ich glaube das ist der Grund, dass ich so bewegt bin, Authentizität.
Und genau deshalb darf und muss die Geschichte etwas schlicht klingen, weil das Leben nunmal schlicht ist und eben gerade darum dennoch und deswegen genau wunderbar.
Ich verneige mich tief, wirklich wirklich tief, vor einem solchen Film und allen die daran beteiligt sind.
Ich wurde vor einiger Zeit in einem Kommentar auf die Positionierung der grünen Jugend zum Thema Monogamie aufmerksam gemacht.
Wie das so ist mit jungen Politiktreibenden, der eigentlich Standpunkt ist etwas kühn, und, wenn man ehrlich ist, auch etwas populistisch formuliert. Nichtsdestotrotz tut sich da was, weil das Schlagwort “Homo-Ehe” zum Glück langsam etwas abgedroschen ist, und, weil man nichts Neues findet, die tatsächliche Vielfalt mal dran ist.
Homo-Ehe finde ich nämlich zwar auf individueller Ebene für viele Leute schön, gesellschaftlich aber ist es eigentlich der gleiche patriarchale Strukturenmist, die gleichen Konzepte von Besitz und Vertragsdenken, von Ewigkeit, kurz: vom romantischen Ideal, die in Ehe halt so drinstecken.
Dementsprechend bin ich erfreut, wenn eine der großen Parteien (ich bin mal so frei) sich diesem Thema annimmt. Oder doch mit dem Genitiv? Keine Ahnung.
Im Blog der grünen Jugend entfoch das Thema jedenfalls eine stiebende Diskussion, mit den üblichen Parolen von beiden Seiten (interessanterweise direkt im Leserbrief, um den der Blogeintrag geht, auch so Bibelgesummse von Recht und Ordnung – da wird mir ja immer kalt) und viel zu viel Beiträgen, um sie alle zu lesen, aber zum Drüberschauen und sich freuen, was so geht, ist es sehr nett.
