Archiv für October 2006


30.10.2006 22:23
Allgemein

0 Kommentare »

Ganz früher hießen Ordner noch Verzeichnisse. Es gibt noch einige Phrasologien, die das belegen, sie stammen aus der 12zollmonitorgrauen Anfangszeit, wo gerade die Allgemeinheit begann, Computer zu haben: “Windowsverzeichnis” oder “Stammverzeichnis” sind solche Phrasologien.

Heute heißen die Dinger “Ordner”. Das ist kürzer und suggeriert Ordnung, was eine witzige Idee ist. Seit es Festplatten über 30GB gibt, und seit Computer für mich suchen, sind beide Gründe zur Ordnung hinfällig (“Kein Platz!” und “Ich find nix wieder!”).

Noch mehr heute sind Ordner aber schon wieder uncool, man hat jetzt “Tags”. Wenn mir ein Freund zB per E-Mail ein Jobangebot schickt, muss ich nun nicht mehr überlegen, ob mein E-Mail-Programm das in den Ordner “Freunde” oder “Arbeit” tut, ich klebe einfach beides als Tag drauf, als Etiketten also, und dann wird alles volletikettiert. Wenn ich dann durch meine Ordnung forste, sehe ich diese E-Mail an beiden Stellen, was ja sinnig ist.

Die soziologischen Etiketten, wie zum Beispiel “Beziehung” oder “Freundschaft” sind eigentlich keine Etiketten. Sie sind Ordner.
Man kann ein Dings, ein Sozialdings, immer nur in eine dieser Schubladen stecken, oder muss einen neuen Ordner anlegen und benennen.
Mit etwas bösem Willen würde ich soweit gehen zu sagen, es sind keine Ordner, sondern sogar Verzeichnisse, sind nämlich alt und angestaubt in den meisten Fällen.

Ich hätte statt der Ordner lieber Tags. Da muss ich zwar auch noch Bezeichnungen vergeben, aber es ginge schonmal in die richtige Richtung. Das würde der Farbenprächtigkeit von Zwischenmenschlichkeiten eher gerecht als das 12zollmonitorgraue Grau.

30.10.2006 22:13
Allgemein

0 Kommentare »

In der Welt mit weniger Etiketten, die mir aufzubauen ich versuche, ist es schöner, aber auch ein bisschen komplizierter.

Wenn in Beziehungen die Zärtlichkeiten aufhören, darf man sich ärgern. Darf vielleicht Erklärungen einfordern, Änderung wünschen, zu einem Paar- oder Sexualtherapeuten gehen.

Wenn ohne das Label “Beziehung” die Zärtlichkeiten wegfallen, dann ist das eben so. Und wenn ich mich dann wundere, weil ich weniger Nähe spüre, weil mir die Zärtlichkeiten gefielen, dann heißt es “Ja, ich weiß, dir sind Körperlichkeiten wichtig…”.
Unfug. “Du” bist mir wichtig, der Mensch, und die Beziehung, die sich zu diesem Menschen ergeben hat.

Wahrscheinlich bin ich jetzt sogar der körperfixierte Grabscher, den mir Leute schon immer hinterhergedichtet haben, wenn ich einschnappe und sauer bin. Ich wär’s auch lieber nicht. Aber in der Welt mit weniger Etiketten ist alles ein bisschen komplizierter.

28.10.2006 14:06
Allgemein

0 Kommentare »

Mal angenommen, 2 Menschen äußern sich zu einem beliebigen Sachverhalt. Der eine Mensch findet ihn eher gut, der andere eher schlecht.
Der Mittelwert verrät uns, dass die beiden dem Sachverhalt neutral gegenüber stehen. Das ist natürlich Unfug. Es ist, zugegeben, auch etwas wagemutig argumentiert, denn kein Wissenschaftler würde bei 2 Personen einen Mittelwert berechnen, das tut man einfach nicht.

Aber doch entsteht genau so der Normalitätsbegriff. Normal ist die Mitte von allem, auch wenn sich da in Wirklichkeit gar niemand befinden mag.

Wenn ich mich in meinem Bekanntenkreis umsehe, entdecke ich niemanden, der nicht irgendwie seltsam wäre. Irgendeinen Spleen hat nun wirklich jeder. Das einzige, was die Menschen unterscheidet, ist die Art des Spleens, und die gesellschaftliche Einschätzung, wie weit weg von der Mitte das ist.

Diversity rules.

Oft mag man sogar genau das. Das beginnt im Kleinen (Feylamia hat gesagt, ich soll mal über meine Taschenuhr schreiben, also los): Alle mögen meine Taschenuhr. Ich habe sie mir irgendwann gekauft, einfach weil ich Armbanduhren immer verloren habe, meine Hose aber noch nie, und da man Taschenuhren in Hosen steckt, hielt ich das für eine gute Idee. Aber alles juchzt, wenn ich sie zücke, “Nein, so eine schicke Uhr”, weil sie eben anders ist. Nun gut.
Und es endet im Großen, wenn man sich seinen Geliebten und Liebenden öffnet, und man offenbart, was so richtig seltsam ist. Ich mag es, beim Sex die Augen verbunden zu haben. Ich kann nur im Dunkeln. Ich hab immer Angst, dass du mich verlässt. Je mehr ich dich liebe, umso mehr ärgert mich meine Abhängigkeit. Solche Sachen. Die großen Seltsamkeiten.

Der Umgang mit diesen Seltsamkeiten entscheidet über Gemach und Ungemach von Zwischenmenschlichkeiten.
“Diversity rules” heißt nämlich, dass sie überall ist, dass sie das herrschende Prinzip ist. Das heißt aber noch lange nicht, dass sie jemanden beherrschen darf. Die Seltsamkeiten gilt es zu akzeptieren und liebzuhaben, und vielleicht, ihnen zu entsprechen, wo das geht. Nur verbiegen darf man sich nicht. Dann rückt man im Zweifelsfall von seiner eigenen Seltsamkeit ab, und das ist nicht gut, denn manche sagen Individualität oder Charakter dazu.

Der Titel ist eine Zeile von Tocotronic.

25.10.2006 13:25
Allgemein

0 Kommentare »

Das zweite Mal passiert es mir, dass eine Freundin von mir auf Reisen geht, auf weite Reisen, und von dort berichtet, dass sich die Einstellung zum Lieben ändert. Beide Male mehr in Richtung freies Lieben, allumfassendes Lieben, weg von Eifersucht und Besitz.

Leute, macht mehr Reisen! *g*

Spannender Effekt. Ich habe eine These, wie er zustande kommt. Wie ich so oft betone, hat Lieben primär mit einem selber zu tun. Die Liebe ist ein Gefühl in einem selbst, deswegen ist sekundär, was zurückkommt. Das eigene Gefühl ist etwas Schönes.
Und überhaupt ist das eigene Gefühl überhaupt erst dadurch entstanden, dass man sich selbst zeigt, sich öffnet, und dafür muss man sich selbst mögen. Alles beginnt bei einem selbst.
Das ist Liebe. Oder meinetwegen Liebesfähigkeit, das ist in weiten Teilen austauschbar, denn wer zur Liebe fähig ist, liebt auch, und zwar nicht hie und da eine Person, sondern grundsätzlich. Das ist eine Einstellungsfrage.

Kleiner Exkurs: Das, was zwischen zwei Menschen dann geschieht, die füreinander etwas empfinden, ist keine Liebe, sondern eine Beziehung, eine Zwischenmenschlichkeit. Das ist auch unglaublich wichtig, ist aber etwas anderes. Insbesondere gibt es keinen strengen Zusammenhang, nicht immer gibt es Zwischenmenschlichkeiten mit Menschen, die ich liebe, und nicht immer muss Liebe da sein, wo Zwischenmenschlichkeit ist.
Im Englischen schätze ich die Unterscheidungsmöglichkeit von relation und relationship. Mit jedem Menschen, den ich kennenlerne, stehe ich in relation. Unweigerlich. Sobald ein Bezug da ist, ist da irgendeine Form von Beziehung, irgendeine Zwischenmenschlichkeit. Aber eine relationship ist ein gesellschaftliches Konstrukt (genau wie ein ship eben ein Konstrukt ist), das Zwischenmenschlichkeit eine feste Form gibt.

Zurück zum Wesentlichen. Da die eigentliche Liebesfähigkeit naturgemäß in einem selber beginnt, und wenn sie erstmal da ist die Liebe beginnt, die allumfassende, von der ich eingangs sprach, ist es nur logisch, wenn man da auf Reisen näher dran kommt. Nirgendwo ist man so auf sich zurückgeworfen wie auf Reisen in fernen Ländern. Nirgendwo ist man so befreit von kulturellen Dogmen, kann so sehr in sich hineinhorchen, was wirklich da ist, und das leben.
Ich sage nicht, dass Polyamory dabei herauskommt. Aber Liebe, das kann ich mir schon vorstellen. Mehr Achtung vor den Menschen, offenere Herzen und Arme und Augen. Mehr Liebe eben.

Leute, macht mehr Reisen!

24.10.2006 21:28
Allgemein

0 Kommentare »

Ich hab letztens überlegt, dass ich total gerne mal was zu Pornotube schreiben würde. Hatte ein wenig Skrupel, kein Mensch bei Sinnen schreibt zu Pornoangeboten, die er kennt. Aber dann hab ich gedacht “Scheiß drauf”. Wie ihr sehen werdet ist diese Entscheidung auf einer Metaebene von einer gewissen Portion Komik durchtränkt, ein regelrecht feiner Hauch Humor lädt diesen Beitrag auf.

Aber zur Sache. “Pornotube”, der Name ist augenscheinlich eine naheliegende Hommage an YouTube. Naheliegend deshalb, weil es da auch selbstgedrehte oder immerhin selbst abgefilmte oder immerhin selbst raubkopierte Filmchen gibt.
Das ist von allen erdenklichen Seiten irgendwie erstaunlich:

Der große Teil der Filme ist Amateurmaterial, da haben sich wirklich Leute (ich hoffe konsensuell) beim Sex gefilmt. Die Leute also, die da so rumsurfen (ich auch, ich geb es zu), schauen sich folglich fürchterlich billige Sachen an. Also, wirklich nicht nur schmutzig-billig, sondern auch noch schlecht gemacht, langweilig, dillettantisch und verwackelt. 5 Minuten draufhalten, wie irgendeine Frau irgendeinem Mann irgendeinen bläst. Wenn ich überlege, dass ich in meiner Jugend lange aufbleiben musste, um auf Sat1 und Vox die schmutzigen Filmchen zu sehen… welch ein Fortschritt! Dennoch ist es interessant, mit wie wenig sich die Leute zufrieden geben (nur gemessen an der Latenz des Pornotube-Servers). Hey, der Pornomarkt ist nun wirklich keiner, auf dem keine Konkurrenz herrscht. Die Triebe der Menschheit sind hart umkämpfte Ware.

Als Geschäftsmodell übrigens ist Pornotube mal wieder schlau. Ich weiß gar nicht genau, wie YouTube funktioniert, vermute aber Werbung als Haupteinnahmequelle. Das, schätze ich, ist bei PornoTube etwas schwierig, denn auf Pornoseiten kann man nur für eine Sache seriös Werbung machen: Mehr Pornos. Auf einer Gratispornoseite aber für sein Bezahlpornoangebot zu werben, machen vermutlich nicht so viele. Deswegen gibt es Premiumaccounts, die habe ich nicht komplett verstanden, aber irgendwie kriegen die nen Link zu dem Video, oder ne Download-Quelle, was weiß ich. Genutzt wird dabei die 1%-Regel: 1% aller User sind bereit, für eine verbesserte Form des Angebots Geld auszugeben. So funktionieren viele Webmail-Anbieter, so funktioniert Skype, so funktioniert ne ganze Menge Krims im Netz. Aber zurück zu erstaunlicheren Dingen.

Noch erstaunlicher nämlich als die Seite der Konsumenten ist die der Produzenten. Da filmen Leute sich beim Sex. Ich glaube mich erinnern zu können, dass das mal unter die Privatsphäre fiel. Ich meine, klar, die Leute veröffentlichen was weiß ich nicht bei MySpace, StudiVZ oder Zeit Campus, aber hey, Datenkraken und Werbekunden hin oder her, bis mein Arsch im Netz zu sehen ist müsste aber einiges passieren, das ist nochmal was Anderes als Hobbies und Interessen. Und wenn ich Arsch sage, meine ich Penis.

Was geht da vor? Was treibt die Leute, da Content reinzustellen? Es ist erstaunlich. So gern ich mir gelegentlich einen guten Blowjob anschaue (heute ist Outing-Tag!), so wenig würde ich mich dabei filmen lassen. Obwohl, vielleicht wär das gar nicht schlimm, die Identifikationsmöglichkeiten sind ja nur sehr begrenzt, für die aktive Person ist das ja brenzliger.
Aber ich gehe eigentlich nicht davon aus, dass das alles Videos von Leuten sind, die das da nicht freiwillig reinstellen wollten. Wäre zwar denkbar, sich beim Sex zu filmen ist ja keine neue Idee, und wenn das dann einmal in die Hände der bösen Nachbars-Scriptkiddies gerät, dann Hallo Pornotube!
Aber das kann ich mir nicht vorstellen. Eher glaube ich, dass die heute mögliche riesige Medienpräsenz jedes Einzelnen (“In 15 minutes, everybody will be famous!” – Andy Warhol. In dem Beitrag habe ich übrigens Nacktheit noch metaphorisch für den Trend zu mehr Enthüllung benutzt, aber Analogschlüsse sind jetzt unnötig geworden) den nötigen Einsatz erhöht, mit dem man in die Medien kommt. Für die Talkshows der Achtziger reichte es noch, seinen Mann zu betrügen, oder Alligatoren zu züchten. Heute muss es schon etwas mehr sein. Selbst wenn noch Betrüger und Züchter zu sehen sind, so wie die will man nicht sein.

Man will “Jackass” sein, krasser als die anderen krassen Leute, bekloppter als die anderen Bekloppten. Und offensichtlich jetzt auch nackter als die anderen Nackten, entblößter als die anderen Entblößten auf MySpace, im BB-Container, in Blogs (hier, geneigte Leserschaft, gibt es jetzt den hintergründigen Spaß zu erfühlen). Viel entblößter will man sein. Erstaunlich.

Ich bin froh, dass ich auch kontrazyklische Signale wahrnehme. Als ein Beispiel sei Ask A Ninja erwähnt. Ein Mann in schwarzem Anzug ist witzig. Er legt keinen Seelenstriptease hin, auch keinen tatsächlichen, er macht sich nicht zum Hampelmann, er macht einfach eine witzige Sache.

24.10.2006 17:13
Allgemein

0 Kommentare »

Buoff. In der Uni sitzen ist fürchterlich. Ich bin in der Datenerhebungsphase meiner Diplomarbeit und verbringe meine Tage damit, Menschen von den Lohnhaftigkeit einer Teilnahme zu überreden. Das ist per se witzig, denn man bekommt die besten 5 Minuten der Vorlesung, um dieses Anliegen vorzutragen (den Beginn), und die Menschen hören einem noch zu. Und geben sogar recht bereitwillig ihre E-Mail-Adressen raus, das ist auch schön. Im Laufe des Tages werden 300 Leute teilgenommen haben.
Problem ist nur, dass die an einer Voruntersuchung teilnehmen, die für verschiedene Studien dient, und in meiner Untersuchung vielleicht 70 davon landen. Wenn sie denn mitmachen. Herrje, das ist unschön.

Doofe Fleißarbeit, das hat mir noch nie Spaß gemacht. Es ist nicht kreativ, es macht die Welt nicht besser, es macht die Menschen nicht glücklich, es ist noch nicht einmal anspruchsvoll. Und am Schlimmsten ist logischerweise das Warten zwischen den Veranstaltungen. Warten auf die Fleißarbeit. Buärgh. Um viertel vor 4 darf ich wieder erzählen (am Ende einer Vorlesung. Schon der halbe Spaß weg). Und dann sitze ich hier auf der Galerie meiner Universität und tue nur das. Sitzen. Gähn. Bin ich froh, wenn diese Phase der DA vorbei ist.

Hach, eigentlich hab ich nichtmal was zu sagen… Wie geht’s euch denn so? Alles gut? Reist ihr ausreichend, anstatt zu warten? Ich nicht. Mist.

23.10.2006 16:09
Allgemein

0 Kommentare »

Die reichsten fünf Prozent der deutschen Steuerzahler sorgten 2005 allein für 42,4 Prozent der Einkommensteuer. Nach der Statistik des Bundesfinanzministeriums lagen ihre steuerpflichtigen Einkünfte dabei bei 86.400 Euro oder mehr. Sie bezogen dabei 25 Prozent der gesamten Einkünfte der Einkommensteuerpflichtigen.
Tagesschau.de

Hui! Da schimpf ich immer und rufe Umverteilung, Umverteilung!, aber das sieht ja schon ganz gut aus.
20 Leute stehen auf der Party rum, und es gibt nur einen Kuchen. Der eine Frechdachs schnappt sich ein ganzes Viertel des Kuchens. Gemein! 19 Leute müssen sich den Rest teilen. Soweit ist alles bekannt.
Dass der dicke Frechdachs aber dafür auch 4 Tüten Chips mitgebracht hat, und die anderen 19 nur zusammen 6, das ist ja nochmal interessant…

Und: Ja, ich weiß, der Punkt ist, dass 2 von den anderen Leuten einfach Hunger haben, und dass es deshalb nochmal fieser ist, denen den Kuchen wegzufuttern, und dass der dicke Frechdachs halt immer noch total viele Chips zuhause hat, während andere Leute sich für die Party Chips hätten leihen müssen.

Dennoch finde ich die Richtung versöhnlich. Ist nur noch die Frage, was ich aus dem kleinen Wörtchen “steuerpflichtig mache”…

Steuerpflichtige Einkünfte 86.400 Euro

Das könnte nochmal ein Problem sein, weil einfach zuviel am Fiskus vorbeigeht…

21.10.2006 11:23
Allgemein

0 Kommentare »

Laut meiner aktuellen Theorie ist ein großer Teil der Liebe eigentlich Offenheit.
Logischerweise zieht das nach sich, dass es sich nicht besonders liebevoll anfühlt, wenn keine Offenheit da ist, sondern ein Verschließen.

Genau das passiert mir gerade mit einer Freundin. Ich mag sie sehr gerne, und zwischen uns hat sich ohne jede Form von Verpflichtungsgefühl und Eingeengtheit eine große Nähe entwickelt, die sich auch körperlich äußert. Wir schmiegen oft, küssen uns manchmal, und für mich war das perfekt. Es war unkompliziert, denn kompliziert mögen wir beide nicht, und dennoch nah.

Vor einigen Tagen fing ich dann an, irgendeine Distanz zu spüren, und fragte sie, ob alles okay sei, Jaja, machte sie, nur das mit den Körperlichkeiten ginge gerade nicht.
Ist ja kein Problem, sagte ich, und meinte das so, denn ich hatte mir Sorgen gemacht, und war froh, dass es ihr wohl eigentlich gut ging.
Ein paar Stunden später merkte ich aber, dass ich ganz schön verunsichert bin, und zwar eben weil da ein Teil, der uns offen stand, wieder verschlossen wurde, und ergo befürchte ich, dass sich an der Liebe (in its widest sense, as usual) was geändert haben könnte. Und jetzt weiß ich nicht so recht… sobald man sich in so einer Situation beschwert heißt es, man will nur den Körper und die wichtigen Dinge würde man gar nicht sehen.
Stimmt aber nicht. Wenn sie gesagt hätte: Jaja, alles okay, aber ich möchte meine Mahlzeiten nicht mehr mit dir gemeinsam einnehmen, wäre ich genauso verwundert und verunsichert. Und, das geb ich gern zu, für mich gehört eine große Zärtlichkeit zu den wichtigen Dingen. Zärtlichkeit ist mir Hafen und Konditorei zugleich.

Das muss ich beizeiten lösen.

20.10.2006 21:56
Allgemein

0 Kommentare »

Ich erwarte nichts.
Ich fürchte nichts.
Ich bin frei!
Nikos Kazantzakis

In wenigen Worten drei der wichtigsten Dinge im Leben zusammengefasst und in korrekten Zusammenhang gebracht. Wenn es doch jetzt nur ein kleines bisschen einfacher wäre, das umzusetzen.

18.10.2006 22:43
Allgemein

0 Kommentare »

Die amerikanische Hybris hat einen neuen Gipfel erklommen.

“Beansprucht wird [durch die USA] die “Führung im Weltraum” im Hinblick auf die nationale Sicherheit, auf die Sicherheit im Inland und auf außenpolitische Ziele.”
Quelle: Heise.de

Grund für diesen megalomanischen Ausbruch der Polit-Idiotie ist die nationale Sicherheit. Die nationale Sicherheit! Ja wunderbar. Bizarrilionen viele Liter Nichts sollen unter die Fuchtel von James T. K… ich meine George W. Bush gestellt werden, weil davon die Verteidigung von ein paar Hektar “God’s Own Country” abhängt.

Flagge

Stars, Stripes.

Ich wette, in ein paar Jahren werden sich Nationen dafür rechtfertigen müssen, wenn sie in den US-amerikanischen Weltraum irgendwas reinschießen wollen. Womöglich muss man sogar Zoll bezahlen. Gott, ich weiß gar nicht, was schlimmer ist, dass es eigentlich so unglaublich hanebüchen ist, so absurd, so dermaßen wie ein Schnitzel (nämlich völlig bekloppt), oder dass die das ernst meinen, dass da irgendwas ganz dubios Düsteres hintersteht.

Als der Mond nach kalifornischem Claimrecht zum Besitz eines amerikanischen Bürgers wurde, habe ich noch geschmunzelt. Ich habe sogar mal ein Grundstück geschenkt bekommen, ganz in der Nähe des Mare Nectaris. Das war irgendwie süß, spleenig, eine leicht durchschaubare aber charmante Geschäftsidee.

Das hier ist einfach nur pervers. Hier geht es um Politik, die lenkt Menschenleben, dafür ist sie da.

Vielleicht erlebe ich das aber auch gerade vervielfacht schlimm, weil ich erst gestern abend den wunderbaren Thriller “Der Schwarm” von Frank Schätzing gelesen habe. Da spielen sich die USA auch so auf.
Aber es war halt auch ein Buch.

Bild von Photocase.de.

18.10.2006 17:21
Allgemein

0 Kommentare »

Im Zug warten

Warten ist das Schlimmste. Das ist ganz erstaunlich. Wenn ich eine Zugfahrt habe, von der ich vorher weiß, dass sie 2 Stunden dauert, aber dann irgendwo 15 Minuten Aufenthalt habe, werde ich fuchsig. Bescheuert.
Vermutlich liegt es daran, dass man so oft im Konjunktiv lebt, in hätte, könnte, müsste und dergleichen. Hätte ich hier keine 15 Minuten Aufenthalt, könnte ich früher am Ziel sein und müsste meine Zeit nicht sinnlos hier vertun.

Die Inuit, so lernte ich gestern, sind eine Kultur, wo das nicht so ist.

Man kann seine Zeit nicht vertun. Die ist sowieso da, man kann sie weder verlieren noch vertreiben. Egal wo du gerade bist, dein Leben findet statt. Das gefällt mir.
Egal an welchem Bahnhof du Aufenthalt hast, es ist Teil deiner Reise. Egal wie groß ein Umweg ist, den du machen musst, es ist Teil deiner Reise.

Die Fahrt dauert so oder so ca. 75 Jahre. Mit oder ohne Aufenthalten, Umwegen und sonstwas. Also kann man sich auch zurücklehnen und die Aussicht genießen. Die Zeit wurde schon verteilt, wir haben alle unsere Portion, und die läuft ab; wie wir sie füllen, ist ganz egal.

Nun mag die eine oder der andere einwenden: “Eben, ich will sie nämlich anders füllen als im doofen Zug rumzusitzen”. Hier sei entgegnet: Erstens ist der Zug eine Metapher für alles Mögliche, zum Beispiel für das Warten auf die Zeit nach der Diplomarbeit, oder darauf, dass die Beziehung endlich wieder besser wird, und zum Anderen sucht man sich das eben manchmal nicht aus. Und dann sollte man eben nicht mosern, sondern die Zeit hinnehmen und sie mit Leben füllen, anstatt darauf zu warten, dass das Leben weitergeht, wieder anfährt und hinter dem Tunnel ein bisschen schöner wird.

Nicht warten. Reisen.

Bild von Photocase.de.

17.10.2006 13:04
Allgemein

0 Kommentare »

Für eine ganz kurze Zeitspanne direkt nach seiner Geburt ist jeder Mensch die Krönung einer Jahrtausende umspannenden Evolutionsgeschichte, das Nonplusultra von DNS-Entwicklung, Mitochondriensymbiose und Hirnrindenwuchs, ist das jüngste Mitglied der menschlichen Rasse. Das allerneuste Modell.

15.10.2006 16:02
Allgemein

0 Kommentare »

In den letzten Tagen sind meine Ansichten zum Guten Leben, zur Offenheit und zur Liebe ganz allgemein zusammengewachsen. Obwohl alles schon da war, passt es jetzt besser. Und zwar so:
Wie ich schonmal schrieb, macht man Offensein nicht für andere. Es ist für sich selber eine gute Sache, Mauern niederzureißen und Masken abzunehmen, weil man seine Zeit sonst nur verschwendet. Natürlich nicht immer und ohne Kompromisse, aber tendenziell geht es halt doch öfter, als man es üblicherweise tut. Diese Offenheit bedingt auch das gute Leben, es fühlt sich nämlich schön an, sich auf zu machen.

Nun ist in meinen Augen “Liebe” genau das: Man ist bereit, sich zu öffnen, und möchte, dass die andere Person sich auch öffnet. Wenn das in einem Ausmaß geschieht, dass alle zufrieden sind, ist es eine glückliche Liebe. Wenn bei der Öffnung für die andere Person eine Schließung gegenüber Dritten passiert, zum Beispiel gegenüber Freunden oder so, also ein Verschluss, der über reinen Zeitmangel, den man halt nie wegkriegt, hinausgeht, ist etwas falsch gelaufen.

Wenn das Liebe ist (jaja, ich weiß, das klingt ganz theoretisch, Moment noch), ist natürlich klar, dass das nicht auf eine Person begrenzt sein muss. Überhaupt ist nach dieser Auffassung Liebe nicht etwas, das zwischen Personen geschieht, sondern eine Eigenschaft, nämlich primär die Eigenschaft, sich zu öffnen. Dafür muss man sich mögen, denn niemand zeigt gern Dinge, die er nicht mag. Im Grunde fehlt sogar ein Wort, “Liebe” ist zu unspezifisch. Meinen jüngsten Erfahrungen nach kommen zwei Dinge zusammen, erstens die schöne Erfahrung, dass man sich gerade zu öffnen bereit ist, und zweitens die ebenso schöne Erfahrung, dass die andere Person das auch tut, und (ganz wichtig) dass einem gefällt, was man zeigt, und was man gezeigt bekommt. Ganz einfach eigentlich. Vielleicht könnte man “aktive” und “passive Liebe” dazu sagen… Man zeigt, und man kriegt gezeigt (Wohl gemerkt ist meine aktive Liebe nicht notwendigerweise die passive Liebe meines Gegenübers! Ich kann mich ja auch öffnen, ohne dass die andere Person das besonders findet, oder ohne dass sie es mag. Ist halt scheiße, geht aber auch).

Vor diesem Hintergrund machen ganz viele dumme Sprüche irgendwie Sinn. “Du musst aufhören zu suchen”, “Du musst dich erst selber lieben”, “Man muss loslassen, um jemanden zu gewinnen”, all diese Sinnsprüche sind, interpretiert man sie auf der Basis eines eigenschaftlichen Liebesbegriffs, eigentlich nur Varianten des gleichen Grundgedankens:

Sei bei dir. Sei dir selbst genug. Sei ehrlich.

Wenn man diese Nacktheit vor sich selbst und vor anderen erreicht, ist man meiner Meinung nach voller Liebe. Ich selber (und jetzt wird es endlich wieder praxisbezogen) bin letztlich erst über diese Offenheit zu meiner Liebesfähigkeit gekommen. Weniger “da soll jemand mein Bedürfnis stillen” und mehr hin zu “hier gefällt mir etwas, hier bleibe ich”, eine eigentlich sehr bescheidene, wenig strebsame Art der Liebe.

Ursächlich sehe ich zum Einen die Auseinandersetzung mit dem ganzen Polykram. Seit ich dazu stehe, dass ich halt keine enge, exklusive Beziehung möchte, dass ich mehrere Menschen lieben kann und ich die Beziehung so ausgestalten möchte, wie ich das dann eben möchte, bin ich mir selbst näher. Nicht, weil dass irgendwie ein besseres Konzept ist, sondern weil es halt jenes ist, das zu mir passt, das ich leben möchte. Es tut gut, sich das zu erlauben. Supergut, sogar.
Auch das therapeutische Arbeiten hilft, denn das Gefühl, das ich habe, wenn Klienten sich öffnen, ist halt passive Liebe, ganz klar. Es gibt dabei interessanterweise keine aktive Liebe, denn die Öffnung passiert nicht um meinetwillen, ist kein “Herzeigen”, sondern eher ein “Enthüllen”, das ist ein Unterschied, aber dennoch bleibt da eine “nonpossessive love”, wie Carl Rogers sie nannte.

Mit diesem Gefühl, dass die Liebe, oder sagen wir meinetwegen die Liebesfähigkeit, etwas in mir ist, das ich entwickeln kann, für das ich mich entscheide, gehe ich entspannter durch’s Leben. Diese Liebesfähigkeit kann mir niemand kaputtmachen, und wenn ich jemanden liebe, und sie mich nicht in gleicher Form zurückliebt, behindert das zwar womöglich eine Beziehung zu dieser Person, nicht aber die Liebe. Die ist ja frei.

09.10.2006 17:37
Allgemein

0 Kommentare »

Ich habe letztens nochmal die “in wirklich” von 2raumwohnung gehört, und irgendwie hab ich damals nur gedacht “Hey, coole Stimme, lässige Beats, geiles Arrangement”, und bin nie bis zu “Phänomenale Texte!” gekommen. Stimme, Beats und Arrangements sind immer noch bombig – allein das erste Lied, “da sind wir”, wenn ihr jemals erklären müsst, warum Pausen in der Musik wichtig sind, nehmt dieses Lied. Jede Pause an der richtigen Stelle, und an jeder richtigen Stelle eine Pause.
Aber zurück zu den Texten – die sind toll. Und erst jetzt fällt mir auf, dass Track 4 über das Gute Leben geht, über Authentizität und alles so Sachen, die mir gut gefallen:

wirklich sein
wenn du wirklich wirst

du bist mehr als du gedacht hast
wenn du deinen kern spürst
wenn du wirklich wirst

du willst da nicht mitmachen
bei den spielchen
die fordern, daß du unwirklich bist
die heißen
ich fühle nichts
meine haut ist dick
ich bin die beste

wenn du wirklich wirst

dann sagst du nein
zu allem was dir die luft
abdreht
wenn du still bist
ist das kein trick
du befreist andere

du spürst dich
und was du kannst
wenn du wirklich wirst
kommst du nach haus
zu dir selbst
wo wir angefangen haben
im paradies zu leben

wenn du wirklich wirst

wenn du wirklich bist
dann bist du sex
was du sagst
ist was du meinst
was du glaubst
ist was du lebst

wenn du deinen kern spürst
wenn du wirklich wirst

musik: i.humpe/ t.eckart
text: i.humpe

08.10.2006 1:22
Allgemein

0 Kommentare »

In diesem Sommer habe ich ja meinen inneren Pöbel kennengelernt, die Volkszugehörigkeit und den Parolenbrüller in mir, und natürlich wobei? Bei der WM.

“Jan”, hab ich gedacht, “Jan, das ist die WM im eigenen Land, hier wird die Hölle los sein”. Zwei Dinge haben dazu beigetragen, dass ich mich drauf eingelassen habe. Erstens dachte ich, das drauf einlassen wird weniger stressig als Gespräche nach dem Format “WAS? Du guckst kein Fußball?? Aber… das ist doch die WM im eigenen Land!”, und zweitens wollte ich gern besser verstehen, was da passiert.

Ich hatte kurz vorher in irgendeinem Blog einen brillianten Ausspruch gelesen, der Fußball als die Ilias der Neuzeit bezeichnete, eine Geschichtensammlung, universal verständlich, mit Helden, die sich nicht durch Tiefe auszeichnen (wie in Romanen) sondern durch Heldenhaftigkeit. So in der Art.
Das gefiel mir, und gab mir ein intellektuelles Alibi, um mich mit Fußball zu beschäftigen.

Und, ja, es hat mir gefallen. Es war super. Und ich habe tatsächlich besser verstanden, was da passiert. Emotionen passieren, und sie sind okay. Es gibt wenig Situationen, in denen Männer so weinen dürfen wie nach dem Spiel gegen Italien, aber auch weniger offensichtlich war in diesem Sommer alles erlaubt. Jubel auf offener Straße, mit fremden Menschen singen, Weinen, Lachen, der ganze Scheiß eben. Das hat mir schon gefallen. Schön war’s.

Gerade war ich in Sönke Wortmanns Film zur WM (“Deutschland, ein Sommermärchen”), und muss leider sagen: Keine großen Überraschungen, filmisch wenig anspruchsvoll. Meine Hauptkritik an Photographie war immer die große Rolle des Motivs. Jeder Depp kann photographieren, wie ein schwarzes und ein weißes Baby kuscheln, das wird immer was. Oder eine monumentale Eiche vor einem tollen Himmel. Aber schön ist dann die Eiche, ist der Himmel, und das ist keine Kunst.
Der Film ist auch so. Das Motiv, also die WM, ist nochmal schön zu sehen (und wie unglaublich witzig, ich meine wirklich humorvoll witzig, der Bastian Schweinsteiger ist…), die Emotionen kommen auch wieder, aber als Film ist das Ding verzichtbar.

Vielleicht gehört auch das zum Zauber der WM: Vorbei ist eben vorbei, nach dem Spiel ist vor dem Spiel, und der Film ist eben nach dem Spiel über das vergangene Spiel und somit nicht mehr nah genug dran an dem roten Faden der Ilias.