Archiv für January 2006


29.01.2006 13:05
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Ich habe jetzt “Stranger in a Strange Land” von Robert A. Heinlein gelesen – das Buch gilt als ein Wegbereiter für die Polyamory-Bewegung, und man versteht auch warum.

Michael Valentine Smith ist der Abkömmling von Marspionieren. Seine Eltern sind gestorben, und so wurde er von den Marsianern aufgezogen. Das bedeutet verschiedene Dinge. Zum Beispiel bedeutet das, dass Michael grundlegende ethische Fragen anders beantwortet als Erdlinge. Und, dass er Fähigkeiten besitzt, die hier niemand hat. Das wäre mir fast zu phantastisch geworden, wenn ich nicht an Erleuchtung glauben würde, und somit an ein jedem Menschen innewohnendes Potential, das unsere Vorstellungen übersteigt.

*** SPOILER: Stranger in a Strange Land! ***

Smith kommt dann auf die Erde, und schnell gewinnt er mit seiner gleichzeitig naiven wie weisen Art eine Menge Anhänger und Freunde: Water Brothers, wie er sie nennt, denn Water Sharing ist das marsianische Ritual für eine Seelenverbindung. Kein Wunder, Wasser gibt’s da ja in der Tat nicht so viel.

Smith ist selbstverständlich erstmal ziemlich überfordert von den Dingen, und wenn er etwas nicht versteht, verfällt er in eine Katalepsie, in der sein Puls auf ungefähr 2 geht und seine Atmung auf beinahe 0. He does that to ‘grok’. Grok ist eins der wichtigsten Worte in der marsianischen Sprache. Es bedeutet ein ganz grundlegendes Verständnis, ein “Trinken” von Wahrheit. Es bedeutet, um Rückbezug auf den Nacktheitsartikel hier zu nehmen, die Dinge so zu sehen, wie sie sind, ohne Masken und nix.

Einige Sachen ‘grok’t Michael nicht. Liebe zum Beispiel. Meiner Meinung nach liegt das daran, dass sein Versuch, alles zu ‘grok’en schon Liebe ist, dass er also liebevoll mit der Welt ist, in ihr schwimmt, und insofern nicht verstehen kann, wie Liebe da noch was zu packen soll.
Auch das Konzept eines Gottes versteht er nicht. Der Versuch, ihm das zu erklären, bringt ihn dazu, freudestrahlend auszurufen (weil er glaubt, es verstanden zu haben):

“Thou art god! God groks!”

Im Laufe des Buches wird immer klarer, was er damit meint, und er erklärt es Jubal Harshaw, einem guten Freund, der den Kult, der sich um Michael entwickelt, skeptisch sieht, aber verstehen will. ‘Grok’en will.

“‘Thou art God.’ It’s not a message of cheer and hope, Jubal. It’s a defiance – and an unafraid unabashed assumption of personal responsibility.”

Das gefällt mir gut. Der Gedanke, dass Gott in jedem von uns steckt, ist nicht neu. Und ist auch so schon bedeutend überzeugender für mich als die Annahme irgendeiner externen Entität. Letztlich ist es auch der Gedanke der Buddha-Natur.

Aber in “A Stranger in a Strange Land” ist diese Annahme irgendwie stärker rübergebracht als sonst, weil da jemand ist, der völlig überzeugt sagen kann “I am God! You are God!” und es meint.

Du bist Gott. Verhalte dich entsprechend.

Und zu diesem Verhalten gehört genau der Versuch ‘to grok’, die Dinge ‘in fullness’ zu sehen, und zu entscheiden, ob sie eine ‘goodness’ oder eine ‘wrongness’ sind.
Und das ist, besonders wenn man versucht, sein eigenes Leben ‘in fullness’ zu sehen, wieder der Versuch, gut zu leben.

Das ist ne ganz schön philosophische Geschichte… und ich meine gar nicht das Buch.

28.01.2006 23:43
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Durch die Entdeckung des Wortes Polyamory im August hat das ne ganze Weile mein Leben und somit auch mein Blog dominiert.
Nach und nach, obwohl ich noch immer sagen würde, dass ich poly bin, verliert das an Bedeutung.
Freies Lieben ist eigentlich doch grundlegender, ist mehr eine Sicht auf die Welt als eine Sicht auf Beziehungen und somit ein mächtigeres Konstrukt. Es trägt mich mehr.

Und Nacktes Lieben (voriger Beitrag) ist, wie Catherine zurecht kommentiert, so unglaublich schön, birgt eine Sicht auf das Leben, oder eine Art, es zu leben, die bereichernd ist, die sich “wahr” anfühlt.

Das gute Leben… darum geht’s doch. Lebst du, verehrte Leseperson, gerade gut? Würdest du dich mit einem Abstand von 20 Jahren schämen, jetzt so gelebt zu haben, oder wärst du stolz?

28.01.2006 0:59
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Die Sache mit Powergirl ging mir nah, ich war, wie geschrieben, ziemlich in mir eingeschlossen und, naja, eben traurig.
Das gefällt mir nicht, mein Selbstbild ist auch ganz anders, und da ich innerhalb der Psychotherapieausbildung dazu natürlich gute Gelegenheiten haben, habe ich mich mal beraten lassen.

Dabei kam raus, was mir eigentlich so alles wichtig ist im Leben – auch an anderen Stellen, mit anderen Menschen, ging es viel darum. Was ist eigentlich das gute Leben?
Eine Sache, die dabei eine Rolle spielt, die ich noch weiter bedenken will, aber mir schon jetzt viel bedeutet, ist die Nacktheit.

Nacktheit ist sozusagen die Fortführung von Offenheit. Erst ist man zugewandt, dann ist man offen, dann ist man nackt.
Wenn das logisch so weitergeht, gelange ich doch noch zur Verschmelzung… da will ich ja eigentlich gar nicht hin. Na mal sehen, erst kommt ja noch die Berührung.

Was meine ich damit? Damit meine ich zum Teil, was ich schon im oben verlinkten Beitrag meinte. “Offen sein macht man nicht für andere” heißt der, und es geht unter anderem darum, dass es eh keine Geheimnisse sind, nichts, für niemanden, zumindest für niemanden, der schonmal geliebt hat. Und vor einem selber eigentlich schon gar nicht. All das ist Menschsein. What Menschsein is all about. Lieben, Weinen. So geht das eben.
Aber es ist halt nicht damit getan, es nicht zu verheimlichen, es geht, glaube ich, eigentlich sogar darum, es aktiv zu sein. Sei Mensch. Werde der, der du bist (Nietzsche).

Dazu gehört unendlich viel. Ich will, das wurde in der Beratung deutlich, mir selbst nah sein, will klar sehen, was mit mir so los ist, und will klar entscheiden, ob das gut ist, und will mutig genug sein, was zu ändern, wenn es nicht so ist. Deswegen musste ich mit Powergirl was ändern.

Das hat was mit einer bewussten Art zu leben zu tun, sein Leben sehend gestalten, und nicht vom Leben gelebt werden. Aktivität gehört da auch zu, dass *ich* halt gestalte, wähle und eben lebe.

Diese Bewusstheit erfordert zunächst eine Nacktheit vor mir selbst. “Sich selbst etwas vormachen” ist der Feind, und Vormachen kann man hier metaphorisch getrost mit Vorhängen oder halt Kleidung und Feigenblättern besetzen. Das alles muss weg, um sich nichts vorzumachen, man muss nackt sein. Erstmal vor sich selbst.

In weiterer Konsequenz habe ich auch keine Lust, anderen was vorzumachen. Wozu? Wem bringt das was? Und Nein, das heißt natürlich nicht, dass man allen Leuten sofort vor den Latz knallt, dass sie doof sind oder man sie nicht mag oder sonstwas. Weil nämlich all das ohnehin wegfallen würde, wenn die Leute auch nackt wären. Das ist eine Erkenntnis, die ich im Praktikum schon gemacht habe: Menschen sind wunderschön hinter all ihren Masken, ihren Feigenblättern. Ihren feigen Blättern.

Und so schließt sich der Kreis wieder, weil Nacktes Lieben sowohl bedeutet, dass man beim Lieben, beim so richtigen, aufrichtigen, Weltlieben nackt sein muss, wie auch, dass man eben Nacktes liebt, also Dinge und Menschen, die nackt sind, die das sind, was sie eben sind. In sich und in der Welt.

Wenn ich mit dieser Perspektive auf das Leben durch die Welt gehe, was mir seit gestern wieder gelingt, bin ich überwältigt von der vielen Schönheit.
Der Schnee ist der Schnee. Nicht mehr und nicht weniger. Dieses Lachen ist das Lachen, diese Kälte ist die Kälte. All diese Dinge sind nackt, und dafür liebenswert.

Und in mir selber gibt es eben auch viele dieser Dinge. Der Schmerz ist der Schmerz. Aber eben auch: Das Lieben ist das Lieben. Beides ist nackt, beides ist wahr, und beides gilt es wahrzunehmen (wahr zu nehmen, als das zu nehmen, was es wirklich ist).

25.01.2006 12:41
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Die Zeit interviewt Michael Haneke, Schöpfer von “Die Klavierspielerin” (*schauder* – großartiger Film) und, jetzt in den Kinos, Caché. Haneke macht ungemütliche Filme, und natürlich wird er dafür kritisiert:

“Mir wird immer vorgeworfen, ich würde mit der Moralkeule hantieren. Moralist ist ja inzwischen ein Schimpfwort geworden. Wenn sich jemand Gedanken über etwas macht, dann ist er irgendwie out.”
Michael Haneke

Großartiger Satz… Ich hab selbst oft die Kritik gehört: “J., du denkst zu viel”, und ich wusste immer nicht, wie ich darauf reagieren sollte. Müsste ich jetzt darüber nachdenken, warum ich soviel nachdenke?
Das ist ein sogenannter Double Bind, glaube ich, ich kann mit der Aussage nichts machen.
“Denk mal nicht an einen blauen Elefanten” ist unmöglich zu befolgen, und auf abstrakterer Ebene ist es mit “Denk mal nicht” ganz genau so.

Später im Interview spricht Haneke über die Gegenseite der Moralisten, nämlich über den unmoralischen Pöbel. Über die Filmauswahl, die es für “Zerstreuungsfilme” gibt, und wie das alle betäubt, und wie unbequeme Filme wie seine halt keinen Markt haben, sondern alle nur mal “abschalten” wollen und dafür die Glotze anschalten. Zerstreuung hat einen Markt.
Die Zeitmitarbeiter fragen dann:

“Wollen Sie damit sagen, dass der Markt das kulturelle Gedächtnis auslöscht?”
“Natürlich. Das ist doch angenehm. Gedächtnis ist immer unangenehm, denn es ist immer mit Anstrengung verbunden”

Wunderbar! Zynisch, aber wunderbar. Damit macht sich Haneke zum Kreuzträger, macht sich und andere moralistische Filmemacher zu unserem Gedächtnis für alles Unangenehme.

“Und, was machen Sie beruflich?”
“Ich erinnere mich an den ganzen Mist.”
Ich meine mich an einen Fantasy- oder SF-Roman erinnern zu können, indem die Bevölkerung selber happyhappy leben kann, weil sich irgendeine bestimmte Kaste über den ganzen Scheiß Gedanken macht… Vielleicht war es Julie E. Czerneda… oder doch Brave New World?, ich weiß nicht mehr. Jedenfalls:
We’re halfway there.

24.01.2006 17:47
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Konstruktivismus ist ne feine Sache. Um uns rum nur Meinungen, keine tatsächliche Wahrheit. Das gefällt mir. In gewisser Weise ist auch die Technologie mittlerweile konstruktivistisch – wer von euch hat nicht schonmal anhand der Google-Hits entschieden, wie ein Wort geschrieben wird? “Sylvester” (was, wie ich dank Killefit weiß und bei der Recherche einleuchtend fand, falsch ist) schlägt “Silvester” mit 1.000.000 Hits Vorsprung. Auf deutschen Seiten.

Demokraten schreiben ab jetzt also bitte mit Y. :)

Sprache ist darnebst auch eine feine Sache. Ich hab sogar eine eigene Kategorie dafür, weil sie mir so gefällt.

Für einen Vortrag im Rahmen der Ausbildung habe ich soeben eine Tour de Force in die Postmoderne gemacht, die ich jetzt in aller Kürze (und somit völlig ohne was zu erklären, wie ich befürchte) wiederholen werde:

Schon Ferdinand deSaussure war der Meinung, dass (a) die Zuordnung eines Wortes (Signifikant) zu einer Sache (Signifikat) willkürlich ist, also nicht aus der Welt selber stammen, und dass (b) eine Sprache eine innere Logik hat, die wiederum nicht mit der Logik der Welt und ergo der Wahrheit zusammenhängt.

Jaque Derrida war einer ähnlichen Meinung: Einzig durch Unterschiede zu anderen Worten und außerdem durch ein Ausblenden mancher Bedeutungen gelangt irgendein Wort zu Bedeutung. Folglich ist die Basis jeder Aussage nur ihr Unterschied zu anderen Aussagen, und wieder ist die Welt nicht mit im Rennen.

Das nennt der Autor des Textes, den ich las (K. Gergen), postmodern: Wahrheit als Grundlage von Äußerungen ist fort. Alles ist ohne Halt.

Was uns bleibt, ist der Nutzen, die Pragmatik des Wortes. Wenn es schon nie wahr ist, vielleicht ist es ja manchmal nützlich.
Das führt zu Wittgenstein (“Sprache ist Gebrauch”) und seinem Schüler Austin (“We do things with words”), der die Sprechakttheorie begründet hat.

Aus diesem ganzen Zeug erschließt sich dann der soziale Konstruktionismus: Wir bilden nicht die Welt durch Sprache ab, wir bilden uns eine Welt anhand der Sprache. Also: Erst wird gequatscht, dann wird die Welt verstanden.
Und dieses Quatschen passiert in Aushandlung mit anderen, ist halt sozial, und somit gibt es in unterschiedlichen Diskursen unterschiedliche Wahrheiten.

Zum Beispiel würde ich am Silv…, oh, Verzeihung, liebe Genossinnen und Genossen, Sylvsterabend nicht unbedingt mit der Rechtschreibung kommen, weil es nicht angemessen wäre.

Genau diese Gedanken sind wichtig für die Art, Therapie zu machen, wie ich sie im Ausbildungsinstitut lerne.
Wir können nicht ändern, wie die Welt ist, aber wir können ändern, wie wir die Welt sehen. Und diese Änderung der Weltsicht passiert eben durch Sprache.

Essentieller Bestandteil jeglicher konstruktivistischen Theorie ist, dass man, wenn man da dran glaubt, nicht besonders überzeugt von irgendwelchen Sachen sein darf (eigentlich auch nicht von der konstruktivistischen Theorie, aber das würde jetzt absurd), dass man also seine eigene Weltsicht immer als eine mögliche enttarnt, und nicht als “die richtige”.

Und genau diesen Gedanken finde zumindest ich ungeheuer tröstlich… Und umfassend! Es gibt kein wahres Geschlecht (schon die Dichotomie ist nach Derrida Unfug), es gibt keine wahre Liebesgesinnung, es gibt noch nichtmal Stabilität auf einem Kontinuum! Panta Rhei. Choose your truth now.
Super geil ist das!

Weil das in schlechten Zeiten nämlich immer heißt, dass man das ganze auch anders sehen kann.
Nach dem sozialen Konstruktionismus ist Sprache dann das Werkzeug, um etwas zu ändern. Wenn ich also mit Leuten anders umgehe, wir dann, nach Wittgenstein, ein anderes Sprachspiel spielen, einen anderen Diskurs führen, wird sich etwas zwischen uns etwas ändern.
Das ist doch super! Einzig schwierig daran ist, dass man halt leider doch immer der Meinung ist, Recht zu haben… oder, wenn man zugibt, dass das alles nicht sicher ist, sieht der Gegenüber das als Kapitulation und ist sich sicher, dass er dann wohl Recht hat.

Wie bei allen Ideologien: Das klappt halt nur, wenn alle mitmachen.

Literatur:
Gergen, K (2002). Von der Semiotik zur Dekonstruktion… In: Konstruierte Wirklichkeiten. Kohlhammer (38-73 & 210-219).

23.01.2006 20:05
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Killefit hat es irgendwann kommentiert, dass es ihm so vorkäme, als ginge es bei poly darum, rational mit Gefühlen umzugehen, sie nicht so sehr zu fühlen, sondern eher… naja, vielleicht zu prozessieren. So hat er das nicht gesagt, aber das steckte da drin.

In gewisser Weise ist das wahr – Viele Gefühle legt man erstmal hin, tut zwei Schritte zurück, und schaut sich den Klumpatsch genauer an. Was ist Eifersucht? Was ist Besitzdenken? Wieviel Normativität steckt in diesem Gefühl, und wieviel bin wirklich? Gerade mit letzterer Frage habe ich gerade wieder zu tun, doch dazu ein andermal.

Aber, und um jenes Aber geht der Beitrag hier, aber es gibt Sachen, die sind einfach doch gleich. Und diese Sachen sind die Liebe.

Weil man heftig reagiert, wenn sie nicht erwidert wird, nicht genauso, nicht so wie man wollte. Da kann man den Erwartungsklumpen noch solange betrachten, es fühlt sich einfach scheiße an in einem.
Weil man traurig ist, wenn da plötzlich eine Distanz ist, wo vorher Liebe war, und man das “vorher” ganz fürchterlich vermisst.
Weil man immer zweifelt, wieviel da ist, wieviel da war, und… weiß auch nicht. Jedenfalls:

Ganz egal, um wieviele Leute es geht, mono oder poly, die Liebe bleibt mächtig, unversöhnlich und unkompromittierbar, und fängt einen mit wohlig weichen Pranken ein, um einen aufs Wesentliche zu stoßen.
Hoffentlich sind die guten Sachen auch gleich bei mono und poly.

21.01.2006 22:30
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Andy Goldsworthy schreibt im Vorwort zum nach ihm benannten Buch (Verlag: Zweitausendeins) folgendes über seine Kunst:

Jede Arbeit entsteht, bleibt, vergeht [...] Entstehung und Verfall sind gleichermaßen präsent.

Die Frage, ob Kunst von Dauer sein sollte oder nicht, stellt sich in dieser Form für mich nicht. Die Vergänglichkeit meiner Arbeit reflektiert lediglich, was in der Natur bereits vorhanden ist, und sie sollte nicht mit einer prinzipiellen Kunstauffassung verwechselt werden. Ich hatte noch nie etwas gegen gute Qualität oder Langlebigkeit einzuwenden.

Natürlich gibt es in meiner Arbeit auch Widersprüche und Konflikte, unbequeme, wenngleich kreative Spannungen, die ich nutze, um mein Verhältnis zur Natur zu schärfen, Und ich scheue mich, diese Spannungen vorzeitig aufzulösen, um meine eigene Position zu erleichtern. Unbehagen ist ein Zeichen von Veränderung. Bisweilen fühle ich mich, wie sich wahrscheinlich ein Zugvogel vor seinem ersten Wanderzug fühlt – ein Urinstinkt sagt ihm, dass dort, wo er ist, irgend etwas nicht stimmt und dass er an einen anderen Ort weiterziehen muss, an dem er noch nie zuvor gewesen ist. Der einzige Widerspruch, den ich nicht dulden würde, wäre eine Kunst, die mich bindet.

Gute Kunst, wirklich so richtig gute Kunst, ist universell. Universell in dem Sinne, dass sie unterschiedliche Menschen auf unterschiedlichen Kanälen berührt, dass Kinder und Greise sie gleichermaßen verstehen, von ihr berührt sind.
Und das funktioniert, so glaube ich, weil sie für alles gilt. Das Glasperlenspiel von Herman Hesse drückt etwas Ähnliches aus: Es ist universell, es erklärt alles. Es ist für mehr Dinge wahr, als es bisher angewandt wurde.

Aus diesem Grunde möchte ich gerne dazu einladen, das Zitat noch einmal zu lesen, und die Wörter “Arbeit” und “Kunst” durch das Wort “Liebe” zu ersetzen, und den Naturbegriff kosmischer zu verstehen, als er hier gemeint ist, eher als “Leben”.

20.01.2006 1:50
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Bareback Riding nennt man ungeschützten Geschlechtsverkehr, in Analogie zum Rodeo ohne Sattel – besonders gefährlich. Es gibt Subkulturen (vorwiegend schwule, wenn ich das richtig im Kopf habe), in denen gehört das Risiko dabei mit zum Thrill, AIDS und alles inklusive.
Das ist bekloppt, aber es gibt einen Aspekt daran, den ich nachvollziehen kann: Weil es sich bestimmt unglaublich lebendig anfühlt.

In diesem Sinne ist Bareback Loving das Gegenteil zum Seelenkondom.

20.01.2006 1:14
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Soeben chattete ich über die Gesamtsituation, und benutzte für diese fehlende Offenheit obiges Wort. Seelenkondom.

“Vielleicht”, so meine Gegenüberin, “ist so ein Seelenkondom ja gar nicht schlecht, wenn die Seele sich erholt und ganz empfindlich ist.”

“Ja”, sagte ich, “klar. Kondome schützen. Aber es fühlt sich halt alles nicht so toll an.”

20.01.2006 0:24
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Ich blogge selten. Zumindest selten relevant. Das war für mich schon mehrmals ein Signal, dass ich im Grunde keinen guten Draht zu mir habe.
Desgleichen gibt es weitere Signale: Ich vergesse Verabredungen mit Menschen, die mir viel bedeuten. Ich vergesse Termine für Dinge, die mir wichtig sind. Ich bin dünnhäutig und leicht kränkbar, und gleichzeitig nicht sensibel für die Haut anderer. Ich hab keine Lust auf Sex. Und ich bin nicht offen.
Von außen scheint das nur bedingt bemerkbar zu sein. Eine Freundin sagte mir beim letzten Ausbildungstermin noch, ich würde so voll dabei sein, heute, sie würde sich freuen, aber mein Gefühl war ein ganz anderes. Ich dachte, ich kompensiere einigermaßen okay, dass ich so still und zurückgezogen bin.
Ich bin nicht offen. Ich bin eingeweckt.

Seit 5 Jahren halt ich mein Herz in kochendes Wasser, doch es scheint nichts zu nützen.
Denn so abgebrüht bin ich noch lange nicht.
Tomte

Powergirl, es muss jetzt endlich mal geschrieben werden, hat die Entscheidung von vor einem guten Jahr wiederholt. Sie muss, um ihre Beziehung, die zu öffnen nach wie vor das Ziel ist, momentan leider Geschichten mit anderen einschränken.

Sachlich macht das Sinn. Ihr Freund ist ein ganz wunderbarer Mensch, die beiden passen zusammen, haben viel durchgemacht und sind halt einfach ein Paar.

Aber die aufkeimende Beziehung zwischen mir und Powergirl wurde mit dieser Information plötzlich zu einer “Geschichte”, und ich wurde einer der “anderen”. Aua. Das hat diese Beziehung sehr in Frage gestellt – mir wurde schlagartig klar, dass diese Beziehung weniger stark ist, als ich dachte, dass sie nach wie vor nur ein Schutzraum war, ein Reagenzglas voll mit Liebe, Nähe und… Substanz. Aber wohl flüchtiger Substanz, und vor allem wohl im Labor.
Gleichzeitig mit der Erkenntnis, dass die Beziehung nicht so stark ist wie gedacht, kommt auch die Erkenntnis, dass meine Liebe für sie stärker ist als gedacht.
Als wenn man aus seinem Heimatland ausgewiesen wird, und erst just in dem Moment merkt, dass es wirklich die Heimat war.

Ich hab mich die letzten Wochen sehr verkrochen, ich weiß nicht wo, aber in mir war es nicht. Das muss wieder aufhören.
“Offen sein macht man nicht für andere”, kam gerade im Gespräch mit Paikja raus, und das stimmt. Ich kann über meine eigenen Mauern kaum noch rüberschauen, mir wird schon langweilig. Eine Tür muss auf sein, damit man durchgehen kann. Aber man selber muss auf sein, damit man selber gehen kann. Erhobenen Hauptes und so. Schönen guten Tag, ich bin ein Mensch.

Ich habs schon mal geschrieben: Das sind doch alles keine Geheimnisse. Oder, mit Tocotronic:

Das sind keine Rätsel. Das ist offensichtlich.

Alle Menschen lieben, alle Menschen weinen. Häufig in rascher Folge, und die Richtigen sind ja doch immer die Falschen.

Mir ist noch immer nicht klar, was ich will. Die schwache Beziehung soll weg. Die starke Liebe soll her.
Aber:

Plötzlich weiß ich,
plötzlich weiß ich
ganz genau was ich nicht mehr will.
Bisher war das,
bisher war das
nur so ein komisches Gefühl.
Sportfreunde Stiller

18.01.2006 1:02
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Herrje, Google USA ist doch mal wieder einen Schritt weiter. Hat nix mit Lieben zu tun, is aber dufte. Ne Musiksuche!
Songtexte, Zack, Albumübersicht, zack, Kaufen, zack. Wobei Kaufenzack primär in den USA geht und ich die Preise für digitale Musik (oft mit DRMscheiße dabei) zu hoch finde – immerhin fallen ja 2/3 der üblichen CD-Kosten nur wegen Infrastruktur und Gewinnspanne aller Beteiligten Händler an, und das fällt ja alles weg.

Aber darum solls ja gar nicht gehen. Musik suchen… fast einfacher als bei Amazon.

16.01.2006 14:33
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Aufgrund der sehr freien Satzbauregeln des Deutschen und den undurchschaubaren Kasus im gestern beschrieben Satz “Die Richtigen sind immer die Falschen” ist auch die komplett gegenteilige Deutung möglich: Die Falschen sind immer die Richtigen.

Genau wie ich den Satz “Bernhard mag die Berge” auch als “Die Berge mag Bernhard” formulieren kann, so ist es auch hier.

Gestern schätzte ich an dem Satz die Aussage, dass die Menschen, die man nunmal liebt, auch immer die sind, die einem weh tun können.

Aber das gilt halt auch andersrum. Die Menschen, die einem weh tun können, sind höchstwahrscheinlich welche, die einem viel bedeuten.
Vielleicht ist es kein schlechtes Zeichen, wenn man verletzt werden kann von jemandem. Oder sogar verletzt wird. Vielleicht heißt es ja schlicht, dass viel da ist. Die Falschen, die einem weh tun, sind vielleicht doch die Richtigen.

Zumindest wäre eine Liebe mit Sicherheitsnetz vermutlich nicht besonders schön. Weder aufregend noch wichtig.

“Be hurt some more” und so. Schwierige Sache. Verletzt werden macht nämlich keinen Spaß. Vielleicht hätte man gern kein Sicherheitsnetz, würde aber trotzdem gern das Gefühl haben, dass man wahrscheinlich auf der anderen Seite ankommt.

15.01.2006 13:55
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Gestern habe ich “Sommer vorm Balkon” gesehen und fand ihn sehr schön. Andreas Dresen ist ja seit “Halbe Treppe” bei mir unter “Der Meister der langsamen Erzählung” abgespeichert, allerdings mit dem Beigeschmack von “wirklich arg langsam”. Halbe Treppe war mir zu trist, zu sehr alltäglich.

Sommer vorm Balkon ist facettenreicher, traut sich, aus dem Leben auch doch mal eine Szene zu machen, malt das Leben und die Menschen eher schön, als dass nur photographiert wird. Es ist nämlich gerade nicht so wie die Bilder, die Kati malt (“Es ist egal was auf dem Bild ist. Der Maler muss auf dem Bild sein.”).

Und so dürfen die Figuren auch einmal Brillantes von sich geben, inmitten all der Trivialität, die hier auch wieder da ist, obschon schöner gewandet.

“Die Richtigen sind immer die Falschen.”

sagt Kati. Und irgendwie steckt da für mich alles drin, es ist mal wieder ein Satz (der deshalb ab jetzt auch in meine Kopfzeile darf), der die Komplexität und die Paradoxien des Liebens in einer Kürze und Anmut darstellt, wie es nur eben geht.

Also, was versteh ich drunter? Erstens gefällt mir, dass es eigentlich keinen Sinn macht. Antonyme (also gegensätzliche Begriffe) kann man nicht in eine logisch wahre Aussage packen. A = B geht nicht, wenn man schon weiß, dass A gilt, wenn B nicht gilt. (¬B → A) = (A = B) funktioniert halt nicht.
Und irgendwie ist schon das eine schöne Zusammenfassung von Lieben. Weil man das Lieben nicht versteht (ich zumindest nicht), und sich des Eindrucks kaum erwehren kann, dass da irgendwie andere Regeln gelten. Für das eigene Verhalten, für die Gefühle und so weiter.
Weiterhin steckt für mich der “Be Hurt Some More“-Gedanke darin, denn die Menschen, die man besonders liebt (die Richtigen) sind gleichzeitig und völlig korrekterweise diejenigen, die einem am meisten weh tun können, und die man ergo irgendwie fürchten sollte (die Falschen).
Und Liebe und Furcht sind genauso Antonyme wie richtig und falsch.

Der Satz “Be Hurt Some More” hat letztes Mal für mich das Ende eines Kapitels bedeutet, und zwar eigentlich ein gutes Ende, weil es den Ausstieg ohne Reue oder Hass oder so nem Scheiß ermöglicht hat. “Die Richtigen sind immer die Falschen” wird wieder so ein Satz sein, glaube ich. Der mir Kraft gibt, aber trotzdem traurig ist. Der mir Trauer beschert, aber trotzdem kräftig ist.

Wieder Antonyme.

12.01.2006 15:49
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I can’t begin to compete with you
and everyone knows, I know you know it, too.
It’s a complicated fear
that grows with every year,
and it’s walking on it’s own finally.

All I can offer are farmer chords,
these simple rhymes and you painted in words.
You can sing this when alone,
or whistle it through your teeth,
and it will feel like home,
no matter how far you’ll be
from my lonely arms outstretched
just beyond your reach, singing:

“Ooh, baby, please…”
Death Cab for Cutie, Farmer Chords

Original von Ben Gibbard, als MP3 im Netz suchbar.

Ich schreib grad nicht so gern hier hinein. Aber ich komme wieder!

09.01.2006 22:50
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Meine Güte, ich blogge heute wirklich über die Maßen viel… aber dieser Sternberg-Text birgt wirklich ein paar Überraschungen. Es geht um die beschrieben Dreiecke, und dass man da auch untersuchen kann, was man beim anderen für ein Dreieck wahrnimmt, und wie man es beim anderen gerne hätte:

[One] is satisfied when the way the other is perceived to feel corresponds to the way one ideally would want the other to feel
[...The] strongest predictor of relationship satisfaction was not one’s feelings for the other but rather a function of the way the other is perceived to feel and the way the other ideally would be perceived to feel…
Sternberg, A Triangular Theory of Love

Puh… also: Ob Leute in einer Beziehung glücklich sind, hängt nicht (wie man ja meinen könnte) davon ab, wie sie für den anderen empfinden. Stattdessen war der beste Prädiktor für Beziehungszufriedenheit die Passung von zwei Dreiecken im Partner: Wie er tatsächlich fühlt, und wie man wünscht, dass er fühlt.

Das ist krass, finde ich! Eine Beziehung macht mich glücklich, wenn mein Partner so ist, wie ich ihn gern hätte.

Ist das nicht ein bisschen bitter?
Fritz Perls, der Gründer der Gestalttherapie hat mal gesagt

I do my thing and you do your thing. I am not in this world to live up to your expectations, and you are not in this world to live up to mine.

Tja. Dachte er…