Die Wahlschwester und ich kamen im gemeinsamen Urlaub an einen Punkt, den wir auch aus Beziehungen und aus dem Leben allein kennen: Das Gefühl, dass alles sehr hohl ist, dass das Leben und die eigene Existenz leere Hülsen sind. Gerade im Kontrast dazu, dass hier im Urlaub alles perfekt ist, wird das sehr schmerzlich spürbar. Der Ort, an dem wir sind, ist traumhaft schön, wir haben endlich einmal Zeit für uns jeweils allein und auch Ruhe für unsere Freundschaft. “Aber warum bin ich dann trotzdem nicht restlos glücklich?” fragt es im Inneren und strahlt dieses Mangelgefühl als wachsendes Leid hinaus in das ganze Wesen. Gerade im Angesicht von so viel Gutem wird es einem bewusst: All dieses Gute ändert leider nichts an dem inneren Mangel.

Glücklicherweise wagte es die Wahlschwester, das Gefühl anzusprechen. Ich selber hatte es auch, litt aber still – oft hatte ich die Erfahrung gemacht, dass es eher schlimmer wird, wenn man es ausspricht. Die Nachfragen, warum es einem denn nicht gut ginge, es wäre doch toll hier, sie unterstreichen noch stärker den eigenen Mangel an situationsadäquatem Glück.

Die Wahlschwester und ich sammelten in dem sich ergebenden schönen Gespräch Situationen, in denen wir diese Leere nicht spüren (Tanz, Zärtlichkeit, Sport und derlei) und stellten fest: All dies sind Krücken. Sie ändern nichts an der Leere, sie lenken allenfalls davon ab.

Aber vielleicht, so durchgrübelten wir die Sache weiter, ist das genau die Aufgabe: Das Leben ist hohl, füll es!
Aber wieso hilft es dann denn nicht dauerhaft?

Vielleicht, dachten wir dann, ist es wie mit dem Hunger. Da klagt ja auch niemand: “Ich hab alles probiert! Möhren, Kartoffeln, sogar Fleisch, aber das sind alles nur Krücken! Die Leere kehrt immer zurück!”

Vielleicht geht es nur darum, diese Leere besser anzuerkennen. Sich zu trauen, den Hunger als Teil des eigenen Menschseins anzuerkennen und auch offen anderen gegenüber zu sein mit diesem Teil.

Wir beide neigen nämlich in Beziehungen dazu, diese Seite zu verbergen, denn wir haben mal gelernt: Beziehungen (zumindest wenn sie gut sind) stillen diesen Hunger. Wenn wir ihn also dennoch spüren, ist das Verrat an der Sache, Verrat am Partner. Dies bringt uns dazu, uns selbst und diesen Hunger zu verleugnen, denn leider ist es Quatsch, was wir gelernt haben: In Wirklichkeit stillen Beziehungen diesen Hunger nicht. Dieses Verleugnen unseres Selbst ist dann übrigens auch gleich ein Einstieg in die letztens beschriebenen Spiralen.
Zu uns zu stehen heißt auch, uns mit diesem Hunger auf jemanden einzulassen, ihn eben als Teil des Pakets zu sehen.
Dieses Dazustehen hat die Wahlschwester gewagt, und tatsächlich war sie erst dann wieder ganz für mich spürbar. Auch ich selbst konnte erst im Dazustehen wieder merken: Stimmt, wir sind uns ja wichtig, wir lieben uns.

In Liebesbeziehungen lassen wir das häufig sein (was sicher auch mit der Sehnsucht nach der einfachen Lösung zu tun hat). Kein Wunder, dass das Gefühl der Leere dann weiter wächst: Wir verleugnen da etwas. Wir nehmen uns zurück, aber “zurück” bedeutet hier natürlich “fort vom Anderen”, und das Gefühl der Distanz wächst.

Wie so oft ist der einzige Ausweg: Wagen zu Sein.

Irgendwann in Beziehungen werde ich nervös. Meine Gedanken werden bestimmt von Sorgen, etwas falsch zu machen – sei es gegenüber meiner Partnerin, weil ich unaufmerksam, grob oder egoistisch bin, oder sei es gegenüber mir selbst: Bin ich hier eigentlich richtig? Will ich diese Beziehung wirklich?

Auch körperlich zeigt sich diese Nervosität: Ich habe dann den Eindruck, mein Herz pocht schneller und lauter, meine Atmung ist flach, und meine Brust fühlt sich eng an. Paniksymptome, wenn ich ganz ehrlich bin.

Diese Nervosität ist nicht so einfach zu besiegen – ich halte sie für meinen größten Feind, wenn es um Beziehungen geht.
Versuche, mit ihr umzugehen, führen häufig in die Meta-Falle (in der alles, was man tut, mit der Beziehung zu tun hat, sodass es keinen Rückzugsraum ins Individuelle mehr gibt), und somit werde ich wieder nervös.
Die Schleifen greifen dabei ineinander: Wenn ich mich nicht ganz heimisch fühle in der Beziehung, ziehe ich mich zurück. Der Rückzug verunsichert mein Gegenüber, sodass ich Angst bekomme etwas falsch zu machen und beginne, gegenzusteuern: Ich versuche, mich weniger zurückzuziehen, wofür ich mich anstrengen muss, und habe dadurch das Gefühl mich zu verstellen – immerhin will ich mich ja eigentlich zurückziehen. Diese Anstrengung, das Bemühen, führen dann dazu, dass ich mich nicht ganz heimisch fühle in der Beziehung, und der Kreis beginnt von Neuem.
Die Leichtigkeit und Natürlichkeit, die sich an jedweder Zwischenmenschlichkeit gut anfühlt, sind dann fort.

Ich habe festgestellt, dass andere Menschen in meinem Umfeld diese Muster ebenfalls kennen, und ich glaube außerdem, dass ich das Muster häufiger bei Menschen erlebe, die (so wie ich) die Trennung ihrer Eltern miterlebt haben.
Nun bitte ich, mich nicht falsch zu verstehen: Ich halte wenig davon, den Scheidungskindern ihre Bindungsfähigkeit abzusprechen. Gleichzeitig glaube ich aber doch, dass eine solche Trennung Effekte hat, und vielleicht ähneln die sich.

Meine Theorie dazu ist die folgende: Die Sehnsucht in Beziehungen, die in der beschriebenen Nervosität einen Ausweg sucht, ist die Sehnsucht nach der einfachen Lösung. Die Beziehung soll sich wieder leicht und schön und sicher anfühlen. Es ist eine Sehnsucht nach Symbiose, nach absoluter Kongruenz ohne Reibung, es ist die Sehnsucht nach unbedingter Liebe, in der ich tun kann, was ich will, und ich werde geliebt. An dieser Sehnsucht scheitern Beziehungen oft, und beim nächsten Versuch ist sie wieder da: Diesmal wird es ganz einfach! Diesmal wird es unkompliziert!

Diese Sehnsucht halte ich für ein kindliches Bedürfnis: Eltern lieben bedingungslos. Eltern behalten ihre Konflikte für sich und stehen bedingungslos zu mir. Mit Eltern ist man verschmolzen und symbiotisch.  Eltern schützen einen vor zu komplizierten Dingen und halten sich zurück.

Scheidungskinder konnten dieses Bedürfnis in ihrer Kindheit nicht ausreichend stillen. Ziemlich früh wurde die Bindung zu den Eltern arg kompliziert: Es gab Erwartungen an die eigene Loyalität und an eine Klarheit und Selbständigkeit, die uns überfordert haben. Auch andere Settings machen diese Überforderung, zB psychische Erkrankung eines Elternteils, Missbrauch und bestimmt noch mehr, was mir gerade nicht einfällt.

Im Falle ohne Trennung wachsen Kinder in einem geschützten Rahmen auf, in einer Beziehung mit klaren Hierarchien, klaren Regeln und sehr wenig Unwägbarkeiten. Mit wachsender Reife wagen Kinder sich immer mehr aus dieser Sicherheit in die Welt, und peu a peu lernen sie, wie man mit Schwierigkeiten umgeht, wie man Dissens aushält und Konflikte löst, ohne sich selbst zu verbiegen. Sie tun dies in dem Tempo, in dem sie selber die Möglichkeit haben, diese Erfahrung gut auszuhalten.

Als Kind in Trennung und Überforderung, so meine These, konnte man das nicht in der gebotenen Langsamkeit lernen, sondern war ad hoc damit konfrontiert. Den langen Weg in das stabile, gesicherte Ich kann man so nicht gehen.

Und nun stehen wir in der Welt mit dieser Sehnsucht nach dem sicheren Hafen, nach der einfachen Lösung, aber natürlich sind unsere Partner keine Eltern oder Beschützer, sie sind uns ebenbürtig und genauso kompliziert wie wir. Sie geben uns keine absolute Sicherheit, sondern brauchen auch Zuspruch. Sie behalten ihre Schwierigkeiten nicht für sich, sondern erhoffen sich Hilfe von uns.

Und das führt in genau die Überforderung, die wir schon aus der Kindheit kennen, sodass wir kindlich reagieren. Die Nervosität, die ich beschrieben habe, fühlt sich sogar bei jedem Empfinden ganz unangemessen an – es ist mir in diesen Momenten selber schleierhaft, wieso ich so krass reagiere und nicht einfach was ändere oder mich meinetwegen trenne.
Aber klar, wenn die Nervosität nur ein Echo meiner kindlichen Bedürfnisse ist, ist Trennung oder Aktivität überhaupt nicht drin: Das Kind kann das nicht.

Soweit meine These. Ich weiß noch nicht recht, was daraus für Handlungsideen entstehen, aber gerade fühlt es sich ganz gut, die Nervosität als Wegweiser zu verstehen, als Reaktion aufgrund von naiven Bedürfnissen, von denen meinem erwachsenen Ich völlig klar ist, dass ihre Erfüllung zwar nicht Aufgabe meiner Partnerin ist, dass ich aber diese Bedürfnisse auch nicht verleugnen kann.

Ich glaube, dass es gut wäre, wenn ich nicht von meinen erwachsenen Partnern erwarte, mich zu schützen, sondern wenn meine eigene Erwachsenheit das übernimmt. An dem Thema bleib ich jedenfalls dran.

Wie sieht’s aus, kommen diese Gefühle hier noch wem bekannt vor? Falls ja, findet ihr in eurer Biographie eine Überforderung, einen zu frühen Abschied von kindlicher Beziehung, die unkompliziert und sicher war? Passt meine These?

01.08.2010 15:15
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Leben

Vor geraumer Zeit ist mir eine Wandmalerei aufgefallen, die ein Kind mit eben jenem Spruch auf dem T-Shirt zeigt. Genau wie die oben abgebildete Postkarte, die ich jetzt gefunden habe, ist offenbar auch die Wandmalerei von Juju, einer Künstlerin aus Berlin. Dass Juju total wunderbare Sachen macht, ist schön, aber momentan sekundär.

Der Satz! Take Pride In Your Fears! Sei stolz auf deine Ängste!

Das ist in meinen Augen eine sehr schöne Art und Weise, Maitri zu leben, sich voll und ganz anzunehmen – und sogar nicht nur mit einem “Naja okay, so bin ich eben”, sondern mit Stolz! “Genau so unvollkommen und mangelhaft bin ich – hier bin ich! So.” Das Kind in der Zeichnung ist dabei nicht himmelhochjauchzend. Aber es sieht zäh und ernst aus, nicht traurig, sondern bestimmt. Auch sehr ruhig. Als wenn es schwer wäre, aber es wäre eben so.

Momentan, wo viele Menschen um mich herum in Krisen sind (Todesfälle, Trennungen, Verletzungen, Trauer… alles dabei) und ich selbst gerade auch oft bekümmert bin, sind mir die Gedanken rund um die Selbstliebe sehr wichtig. Manchmal überrascht mich das selbst, dass ich so bekümmert bin – Viele Leute würden mir sagen, ich wäre sehr selbstsicher, aber immer mal wieder stelle ich fest:
Nope.

Mich nimmt es mit, kritisiert zu werden für Dinge die ich nicht besser schaffe oder nicht anders kann. Ich bin unzufrieden damit, meinen inneren Idealen nicht zu genügen. Manchmal könnte ich gerne Dinge besser. Manchmal sehe ich sogar, dass ich den Idealen nicht hinterher laufen sollte und bin dann unzufrieden damit, es doch zu tun. Irgendwo bricht die Selbstliebe weg, irgendwo ist die Schwäche, wo ich es nicht mehr gut schaffe. Ich kann dabei das Wort “Angst” durchaus stehen lassen, ich glaube die meisten menschlichen Probleme kann man irgendwo als Angst einsortieren: Die Angst, das nicht zu schaffen was man gern schaffen will. Die Angst, verlassen zu werden. Die Angst, nicht so geliebt zu werden wie man ist. Das sind recht universelle Dinger.

Diese Schwächen, diese Ängste zu bemerken macht nicht so wirklich Laune, klar. Und doch weiß ich: Sich kasteien dafür, dass man so ist wie man ist, hilft gar nichts. Wir sind Mängelwesen, wie ben_ gerade so oft betont, wir haben Schwächen, wir haben Ängste, damit müssen wir leben. Nur trägt Juju diese Idee noch ein Stück weiter: Pride.

Ich bin beeindruckt.

Ava hat vor einiger Zeit etwas hier kommentiert, das ich nochmal aufgreifen möchte. Hier nochmal was sie schrieb (ein Zitat von Pema Chödrön):

In der Meditation sind wir so, wie wir sind, mit unserer Verblendung und unserer geistigen Gesundheit. Dieses vollkommene Akzeptieren unserer selbst, wie wir sind, nennt man Maitrî; es ist eine schlichte, unmittelbare Beziehung zu dem, was wir sind.
Es hilft nichts, wenn wir versuchen, uns selbst in Ordnung zu bringen. Von allen Möglichkeiten, Bodhichitta (Bodhi: “erwacht”, “erleuchtet”, “völlig offen”; Chitta: “Geist, Bewusstsein”, “Herz”, “Einstellung”) zu überdecken, benutzen wir das Uns-Selbst-Schlechtmachen am häufigsten.
Wenn wir also NICHT versuchen, uns zu ändern – heißt das, dass wir bis zu Tode zornig bleiben und an den Dingen haften müssen? Das ist eine vernünftige Frage. Das Sich-Selbst-Verbessern-Wollen funktioniert deshalb auf lange Sicht nicht, weil wir damit gegen unsere eigene Energie angehen. Selbstverbesserung mag vorübergehen etwas bewirken, aber zu dauerhafter Transformation kommt es nur, wenn wir uns selbst als Quelle von Weisheit und Mitgefühl achten. Erst, wenn wir beginnen, uns mit uns selbst anzufreunden, wird die Meditaton zu einem transformierenden Prozess. Nur wenn wir ohne alles Moralisieren, ohne Härte, ohne Täuschungsmanöver mit uns selbst umgehen, können wir von schädlichen Mustern ablassen. Ohne Maitrî wird die Ablehnung alter Gewohnheiten zu etwas, mit dem wir uns selbst schaden. Dies ist ein wichtiger Punkt.

Bumm. Das berührt mich. Es ist freies lieben mit sich selbst. Ich lasse das mal so stehen und füge noch ein Video von Pema Chödrön an, wo sie mehr davon erzählt.

This video was embedded using the YouTuber plugin by Roy Tanck. Adobe Flash Player is required to view the video.

Hervorragende Mini-Serie (Teil 1, Teil 2) von Greta Christina (bei Blowfish) über Sexismus gegen Männer, warum das bekloppt ist, und warum das auch für Feministinnen spannend ist. Ich bin ja ohnehin der Meinung, dass Sexismus immer alle Beteiligten trifft, aber Gretas Artikel macht das nochmal etwas präziser.

Und darin der unglaublich witzige und wahre Spruch, der diesen Beitrag ziert. Höchst empfehlenswert, wie überhaupt das ganze Blog von Greta.

Durch einen ganz dummen Zufall (ich verrat’s euch: Ich hab bei der Wikipedia zu verschiedenen Videospielen die Artikel gelesen) stolperte ich heute über den Begriff Gonzo. Ich kannte den bisher nur für Pornographie, wo ich immer dachte, der meint sehr klar auf den Geschlechtsakt an sich fokussierte Pornographie: Nahaufnahmen auf die Genitalien.

Weit gefehlt, und genau so weit hole ich jetzt erstmal aus. “Gonzo“, so erfuhr ich, ist ein Begriff, den Hunter S. Thompson (der Autor von Fear and Loathing in Las Vegas) als Journalist geprägt hat. Er bedeutet Journalismus, in dem das Subjekt vorkommt, in dem die Eindrücke und Gefühle des Autors Teil der journalistischen Leistung sind. Dies ist für den klassischen Journalismus so verrückt, dass sie eine solche Art der Berichterstattung nur als Literatur verstehen können. Es wäre gar kein Journalismus.

So, kurz zurück zum Sex, bevor ich zum Höhepunkt komme (des Artikels): Gonzo-Pornos machen genau das: Einer der Darsteller hat die Kamera. Naturgemäß ist das dann auch näher dran am eigentlichen Geschlechtsverkehr, aber das subjektive ist definitorisch, nicht die Genitalien.

So, nun aber: Es mag für viele nicht neu sein, ich finde es aber interessant: Das ganze Netz mit der Blogosphäre und Twitter und derlei ist letztlich Gonzo. Dieses Blog hier ist Gonzo.

Wieder was gelernt.

“Form follows function” ist ein Satz aus der Designbranche – egal ob man ein Haus, eine Website, einen Stuhl, eine Fernbedienung oder einen Düsenjäger designt, die Form muss der Funktion folgen. Eine kreisrunde Fernbedienung mit unbeschrifteten Knöpfen sieht bestimmt schick aus, ist aber unbrauchbar. Ebenso ein Stuhl, der mit Schleifpapier beklebt ist, eine Website deren Menü sich immer verändert oder ein Düsenjäger-Cabriolet und gleichfalls ein Haus mit Türen von 20 cm Breite.

Das ist aber nicht nur ein Satz aus der Designbranche, das ist auch schlichte Realität. In der Natur beispielsweise: Es entsteht nur, was eine Funktion hat. Sei es Schutz, Sieg, Balz oder Hilfe. Schneckenhäuser, Vogelschnäbel, Fellfarben, Daumen. Form follows function.

Mir fiel vor kurzem auf, dass man den Satz auch für Liebesbeziehungen verstehen kann, wobei “function” da etwas kühl klingt. Aber: Jeder von uns funktioniert auf eine bestimmte Art und Weise. Dieses Funktionieren muss mit in die Beziehung rein – ich muss auch in Beziehung natürlich der Mensch sein können, der ich nunmal bin. Die Form der Beziehung muss meiner Funktionsweise Raum geben und sich um mich legen wie ein gut sitzender Anzug: Form follows function.

Ganz häufig läuft das aber nicht so, und das individuelle Funktionieren muss sich der Form unterordnen: Weil wir ein Paar sind, wollen wir jetzt auch gemeinsam wohnen. Weil ich jemanden liebe, hole ich ihn vom Zug ab. Weil ich ein guter Partner sein will, höre ich mir die langweiligsten Geschichten bis zu Ende an.

Diese Art der Lebensgestaltung, so mein Vorwurf an die Welt, läuft den Bedürfnissen der Beteiligten entgegen. Aber um diese Beteiligten geht es! Sie sind die “function”! Menschen gehen doch Beziehungen ein, weil sie einander (und für sich selbst) Gutes wollen. Wenn sie irgendwann beginnen, sich der Form entsprechend zu verhalten, achten sie nicht mehr auf sich – sie folgen in ihrer Funktion der Form.

Stattdessen sollten sie die Form gestalten, und zwar entsprechend der Funktion, also ihrer Eigenheit, ihrem Wirken in der Welt. Sie sollten das leben, was genau zu ihnen passt. Wenn sie keine Lust haben, jemandem vom Zug abzuholen, dann sollten sie sich eine Beziehung basteln, in der das nicht vorkommt. Wenn sie sich nicht gut fühlen bei hemmungslosem Sex, dann sollte es in ihrer Beziehung kein Marker von Beziehungsqualität sein, besinnungslose Körperzeit zu haben. Gleichzeitig ist dies auch die Haltung, die es meinen Partnern entgegenzubringen gilt: Ich gestalte die Form – so gut ich kann – so, dass sie darin funktionieren können.

Und “form follows function” ist dann eben nicht nur ein Designgrundsatz oder evolutionäres Prinzip, sondern maximales Ernstnehmen dessen, was man ist, lieber Umgang damit, wie man selbst und das andere nun mal funktioniert.

Dazu passt im Übrigen gut, dass der Ursprung des Satzes (laut Wikipedia) bei einem amerikanischen Architekten namens Louis Sullivan liegt, dessen Ausspruch weit über das Architektonische hinausgeht:

It is the pervading law of all things organic and inorganic,
Of all things physical and metaphysical,
Of all things human and all things super-human,
Of all true manifestations of the head,
Of the heart, of the soul,
That the life is recognizable in its expression,
That form ever follows function. This is the law.

Zu deutsch:

Es ist das alles durchdringende Gesetz aller Dinge,
ob organisch oder nicht organisch,
ob physisch oder metaphysisch,
ob menschlich oder übermenschlich,
aller wahren Manifestationen des Kopfes,
des Herzens, der Seele,
dass das Leben in seinem Ausdruck erkennbar ist,
dass die Form immer der Funktion folgt. Dies ist das Gesetz.

Ich schrieb vorhin über die emotionale Identität – das ist ein Begriff, den ich für eine polyamore Haltung zu Liebe und Beziehungen wähle, oder, im eigentlichen Sinne, für jede Haltung zu Liebe und Beziehungen.

Der Begriff ist analog zu sexuelle Identität gewählt, der in meinem Verständnis umfassendste Begriff für alle Empfindsamkeiten zwischen Homosexualität, Transsexualität oder Bigenderism oder Hetero.

Aber in meinem Begriffssystem geht es nur sekundär um Sex. Das verstehen ja viele Leute miss. Mit verschiedenen Menschen Körperzeit zu teilen ist ein Nebeneffekt davon, wenn man frei und voller Liebe ist, erstmal geht es um eine bestimmte Art und Weise, sich auf jemanden einzulassen.

Diese Art, sich einlassen zu wollen, also die ganz individuell präferierte Art und Weise, zu lieben, Liebe auszudrücken, Liebe auszugestalten, ist die emotionale Identität.

Ich werfe den Begriff mal ins Internet und in Geschlechter-/ Liebes-/ Beziehungsdiskurse.

Mir begegnet in jüngster Zeit, wo ich mit Ava in einer recht großen Krise stecke (ungefähr eine 6,5 auf der Richter-Skala), immer wieder ein Missverständnis, das mich ärgert. Ich erzähle dann Menschen davon, dass wir da an einem schwierigen Punkt sind, und eine der ersten Reaktionen ist eine Variante von “Naja, das ist ja sicher auch schwer mit dem Poly-Kram”. Oder, was ich noch brutaler finde “Vielleicht ist die Ava eben doch an einer monogamen Sache interessiert”.

Beides geht an der Realität vorbei, dass uns allen in Beziehung Dinge widerfahren, wir uns mit uns selbst auseinander setzen, weil wir eben in Beziehung stehen. Wir erleben uns darin. Der erste Einwurf (“poly macht das sicher schwierig”) schiebt jede Schwierigkeit auf die Polyamory, was nicht nur frech ist (weil es Poly irgendwie angreift) sondern vor allem respektlos (weil es mein Erleben auf den Lifestyle reduziert, weil es nicht anerkennt, dass im Einlassen die krassen Sachen geschehen.

Der zweite Einwurf (“Ava ist doch monogam”) macht das gleiche, und noch oben drauf unterstellt er Ava, sie wüsste nicht, was sie täte. Dahinter steckt die Annahme, dass Polyamory eine so grundsätzlich schlechte und perfide Idee ist, dass man da drin total kaputt gehen muss, dass man sich unversehens in einem schlimmen Chaos widerfindet. Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um.

Man stelle sich vor, Lesben und Schwulen würde bei jeder Beziehungskrise unterstellt, ihr Partner sei eben vielleicht doch hetero, oder bei jeder Schwierigkeit hieße es: Naja, ist ja sicher auch schwierig, so mit zwei Frauen (oder eben zwei Männern).

Oder, noch besser, man stelle sich vor ich würde auf die Krisen von vanilla mono Heteros und Heteras immer fragen, ob sie denn sicher wären, dass ihre Partner nicht kinky/ schwulesbisch/ poly sind, und ob das nicht ohnehin schwer wäre so monogam.

Das ist doch alles nicht loving und respecting, das ist doch in Unverständnis gewickelte Missachtung.

Fucking frozen hell. Es ist eine 6,5 – ich brauche Zuspruch und Unterstützung, und was bekomme ich? Dummes Infragestellen meiner emotionalen Identität.

Es frühlingt, die Krusten brechen auf, man streckt die Fühler aus… aber seien wir ehrlich, es ist durchaus noch kühl. Ich jedenfalls merke, wie die Veränderungsprozesse losgehen (Aufbruch! Wandel! Erneuerung!) und ich förmlich sehen kann, wie sie mich durch den Fleischwolf drehen (Scheiße! Schwierig! Altbekannt!).

Gestern hatte ich den Gedanken, dass diese ganze Idee von Veränderug und Entwicklung vielleicht Unfug ist. Der Entwicklungsgedanke war vor einiger Zeit schonmal Thema bei mir (nicht gebloggt), und da ging es vor allem darum, wie sehr er im Subtext immer bedeutet, dass man nicht in Ordnung ist, wie man ist. Wenn ich das nämlich mehr glaube, brauch ich keine Therapie, kein Yoga, keine persönlichen Fortschritte: Dann bin ich einfach ich.

Das ist natürlich überhaupt nicht einfach, sondern schwer, womit wir zum heutigen Gedanken kommen. Der baut auf dem alten auf.

Vielleicht, so dachte ich, gibt es überhaupt keine Entwicklung. Okay, vielleicht in der Pubertät, da hat sich schon viel getan, aber vielleicht geht es später nicht darum, etwas zu lernen, sich zu verändern, sondern vielleicht geht es nur darum, mit sich selber umzugehen (Randnotiz: Pubertät könnte man sogar auch so verstehen).

Man findet ja immer mehr über sich heraus, und vielleicht geht es nur darum, diese ganzen Erkenntnisse angemessen zu behandeln. “Oh, ich bin empfindlich?” kann heißen “Ich will Stärke lernen” oder eben “Wow, dann sollte ich vorsichtig sein”. Wenn ich mein Sein als grundlegend gut betrachte, und nicht als defizitär, dann bleibt mir nur der liebevolle Umgang mit mir.
Ich schiebe Filme bei einem bestimmten Thema? Da sollte ich schön langsam machen und gut auf mich aufpassen.
Ich reagiere über, wenn man mich kränkt? Mehr Leute, die mich liebevoll behandeln und mir erlauben, gekränkt zu sein.

Das soll nicht unbedingt heißen, dass man sich nicht verändern darf. Eher, dass man es nicht muss. Man muss nur mit sich umgehen.

Ich habe den Anspruch an mich selbst, mein Leben selbst in die Hand zu nehmen, es zu gestalten. Nicht gelebt zu werden, sondern eben zu leben. Die Gedanken aus dem hervorragenden hard science-fiction Roman “Parable of the Sower” passen sehr gut dazu. Darin entwickelt die Protagonistin eine sehr glaubbare Religion um dem zentralen Satz: God is change. Gott ist Wandel. Und die angemessenste Form des Dienstes an diesem Gott ist, den Wandel zu gestalten, Teil des Wandels zu sein.

Pray to focus your thoughts,
still your fears,
strengthen your purpose.
Respect God.
Shape God.

Diesem Gestalten meines Lebens steht einiges entgegen. Immer zwischendurch erscheint mir das alles zu groß, zu schwierig, zu viel für ein armes kleines Menschlein allein. Oder ich fühle mich einfach zu faul, möchte mich zu gern einrichten in den Status Quo in dem naiven Wunsch, irgendwie wird es schon alles, und ich möchte nicht ständig ackern.

Wie will ich wohnen? Wie will ich leben und lieben? Das steht gerade an, und ich merke, die Gestaltung dieser Lebensbereiche ist quite challenging. Zwei Frauen, die ich liebe, mit denen gerade mehr eingestiegen wird in die Prozesse (von mir und ihnen), was mich umso mehr in die Situation bringt, es gestalten zu wollen, ja: gestalten zu müssen. Die Energie in diesen Prozessen ist wie eine Flut: Wenn ich keine Kanäle grabe, läuft sie sonstwohin und überschwemmt alles, was mühsam großgezogen wurde. Aber ich will die Prozesse kultivieren, ich brauche gute Gräben, ich will keine Auenlandschaft und dann mal sehen wie’s wird. Wasser ist gut, aber es muss gelenkt werden.

The Self must create
Its own reasons for being.
To shape God,
Shape Self.

Ich weiß gar nicht, wo ich hin will mit diesem Artikel. Ich glaube, ich will einmal deutlich machen:

Alter, alles muss gestaltet werden, alles muss gebaut werden, das eigene Leben wartet nicht im nächsten Tag, es wird in jedem neuen Heute aus dem Boden gestampft, und verdammtnochmal, das ist aber oft auch wirklich eine harte Arbeit.

Nicht, dass ich das gerne anders hätte. Es ist richtig, genau wie es ist. Ich wünschte nur, ich hätte ein bisschen mehr Power dafür, und könnte es besser.

As wind,
As water,
As fire,
As life,
God
Is both creative and destructive,
Demanding and yielding,
Sculptor and clay.
God is Infinite Potential:
God is Change.

Ich kam mit Ava an einen Punkt, den ich so oder ähnlich schon kannte, und diesmal kann ich ihn besser benennen: Es ist der Punkt, an dem alles mit der Beziehung zu tun hat. Es ist die Meta-Falle.

Ich brauche Zeit für mich, und das hat dann mit der Beziehung zu tun. Ich habe viel zu tun, und das hat dann mit der Beziehung zu tun. Ich hab einfach mal keinen Bock, Ava zu sehen, und das hat dann mit der Beziehung zu tun.
Es gibt dann kein “außerhalb” mehr. Selbst wenn ich mich dann kurz einfach mal auf mich konzentrieren will, um EINMAL wenigstens frei zu haben davon, dass alles immer mit der Beziehung zu tun hat, dann… hat selbst das wieder damit zu tun.

Das ist enorm tückisch (und, für’s Protokoll: Nicht Ava macht diese Falle auf, die ist in der Sache angelegt). Man kommt da schlecht raus, weil jedes “raus” sich wiederbeziehen lässt, und schon ist es wieder ein “rein”. Ein bisschen, als würde man die ganze Zeit krampfhaft versuchen, nicht an den blauen Elefanten zu denken. Oh Mist. Jetzt aber, jetzt denk ich nicht an den blauen Elefanten.

It can’t be done. Und diese Meta-Ebene macht einem die ganze schöne Begegnung kaputt, weil es nicht mehr möglich ist, dass ich von mir und sie von sich erzählt und wir zwei Menschen sind, nein, wir reden immer von uns. Alles was ich von mir erzähle, hat ja dann mit uns zu tun. “Ich war spazieren, ich dachte das tut mir gut”, “Ich will zurück bei mir ankommen”, alles Botschaften von der Meta-Ebene.

Ich bin einigermaßen wieder rausgekommen. Ich wusste recht früh: Das ist Unfug, was ich da mache, es wird nicht verlangt und nervt, und ich wusste auch: Man kann nichts einfach lassen, sondern muss etwas stattdessen tun. Und ich wusste sogar, dass dieses stattdessen irgendwie damit zu tun haben müsste, ganz bei mir zu sein, sodass da wieder zwei Menschen sind, die sich begegnen können, aber da hat’s dann gehakt (weil sich alles, was ich “für mich” gemacht habe, so angefühlt hat, als würde ich es irgendwie “für uns für mich” tun, also als würde ich es für mich tun, damit es uns hilft).

Aber ich kenne einen guten Homöopathen, und genau solche Knoten, solche Perpetuum Mobiles der Selbstzerfleischung, kann man da gut einmal auflösen um wieder klar zu sehen. Das war knapp. Nächstes Mal möchte ich da früher richtig abbiegen. Mal sehen.

Ich neige in Beziehungen dazu, mich zu verbiegen, und mich ein Stück weit zu verändern, damit ich – angenommenerweise – ein bisschen liebenswerter bin. Dazu mache ich gerade, wo ich ja in zwei Menschen verliebt bin und mich in Beziehung fühle, eine spannende Beobachtung: Es wird leichter. Die Tendenz ist immer noch da, aber es ist ein bisschen so, als wären da jetzt zwei Impulse mich zu verbiegen, und dadurch entsteht so ein Hin-und-Her, sodass ich viel öfter bei mir in der Mitte vorbeikomme.

Das ist natürlich total bescheuert und nur eine Krücke, solange das noch nicht so gut von alleine geht, aber es klappt ganz gut. Weil es, ganz nah an der gerade eingeworfenen Metapher, tatsächlich so ist, dass ich zunächst innerhalb meines Musters sowas denke wie “Oh, an dem Abend könnte ich zwar was mit dir machen, aber ich will auch noch Zeit für sie haben…”. Das ist innerhalb meiner Tendenz, alles richtig zu machen. Aber während ich dann sage “Ne, ich möchte dich erst dann-und-dann sehen, ich brauch noch Zeit für mich und Inari (oder eben für mich und Ava)” stelle ich in mir fest: Oh, vor allem brauch ich auch noch Zeit für mich.

Noch nicht am Ziel, aber recht hilfreich.

29.12.2009 17:13
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Allgemein

Es ärgert mich oft, wenn ich nach dem Warum für mein Handeln gefragt werde, und ich hab mir mal genauer angeschaut, warum.

Mir widerfährt das relativ oft:
Du, ich glaub ich hab keine Lust mehr zu spielen. – Wieso das denn?
Ich fahr jetzt. – Och, warum denn?
Wegen heute abend… ich hab leider doch keine Lust, ich muss absagen. – Echt, wie kommt das?

Aber in den meisten Fällen macht diese Nachfrage gar keinen Sinn.
Ich bin das Ende der Kausalkette meines eigenen Handels. Ich bin das sine qua non meiner Entscheidungen. Danach kommt nichts mehr. Danach muss auch gar nichts mehr kommen. Es ist eine ganz verrückte Idee, dass die eigenen Bedürfnisse eine Erklärung brauchen, um anerkannt zu werden. Das führt zu so viel Verwirrung und Leid. Wenn man als Junge auf Jungs steht, und gar nicht weiß warum. Wenn man nicht gern telefoniert. Wenn man keine Erdbeeren mag. Wieso das denn, wieso das denn, wieso das denn? Aber da gibt es kein Wieso, da gibt es nur ein “Ich”, das empfindet.

Kleiner Exkurs: Auch in der Psychologie gibt es Tendenzen, alles erklären zu wollen: Es liegt an der Kindheit, es liegt am Trauma, es liegt an der Lerngeschichte, es liegt am Vater, es liegt am Konflikt, es liegt an den Anderen, es liegt an den Genen. Und das mag als Theorie noch nichtmal uninteressant sein, aber auf individueller Ebene liegt es nicht an irgend etwas, es liegt einfach.

Und ich glaube, es stört mich, weil es eine Norm etabliert. Ganz viele Sachen werden nämlich nicht hinterfragt, und dadurch werden 2 Schubladen aufgemacht: So ist gut, so ist doof und erklärungsbedürftig. Kein Mensch fragt Fragen wie “Echt, ihr seid immer noch verheiratet? Warum das denn?” oder “Wirklich, dir gefällt BDSM nicht? Woran liegt das?”. Und damit ist die Nachfrage “Warum?” eigentlich ein Indikater einer Bewertung: Du bist gerade nicht normal. Du bist komisch. So solltest du nicht sein. Das ist schlecht, was du da empfindest.

Genau dagegen müssen wir uns alle wehren. Die Realität ist nicht gut oder schlecht. Sie ist einfach.

Das gilt, solange wir niemandem weh tun, für jeden einzelnen von uns.

Es gibt ein Bild, das mich in letzter Zeit begleitet, eine Metapher, die mich führt. Es geht dabei darum, nicht die Dämonen zu füttern. Auf gar keinen Fall. Das wirkt manchmal grausam, ist aber sehr wichtig.

Ein Beispiel aus der Kindererziehung: Ein Kind versucht, auf einen Stuhl zu klettern. Es tut sich schwer, es hat Probleme hinaufzukommen, also hilft irgendein Erwachsener und hebt es drauf. In diesem Moment hilft der Erwachsene meiner Meinung nach nicht dem Kind, sondern nur dem Dämon: Das Gefühl von “Ich kann das nicht” wird gefüttert und bestärkt, wird regelrecht gehegt, gepflegt, herangezüchtet. Machen Kinder solche Erfahrungen zu oft, trauen sie sich nichts mehr zu.

Aber das gibt es natürlich auch unter Erwachsenen. Wenn mich jemand besucht und sagt “J., ich bin so hilflos gerade, mir geht es so schlecht, ich leide ganz schlimm”, und ich darauf reagiere mit Sätzen wie “Oh je, du armes, armes Ding, das ist ja schlimm, komm, lass dich trösten und gut behandeln”, dann behandle ich nicht die Person gut, sondern den Dämon. Ich mache dem Dämon damit klar: Du bist willkommen. Bleib ruhig da. Mach’s dir bequem, ich kümmere mich um dich.

Das ist nicht liebevoll der Person gegenüber. Man verbündet sich mit den gerissensten Feinden.

Tatsächlich liebevoll ist es meiner Meinung nach, den Menschen ihre Probleme zu lassen, ihnen das Gefühl zu lassen, dass sie da unter etwas leiden. Das heißt nicht, sie im Regen stehen zu lassen! Jede Hilfe, den Dämon loszuwerden, ist wunderbar und schnafte. Zum Beispiel mit Sätzen wie “Oh je, das ist schlimm. Erzähl mal mehr”. Neben der Person zu stehen, und bei ihr zu sein, während sie sich dem Dämon stellt: Das halte ich für den Weg, und schätze diesen Umgang auch mit mir selber. Ich will nicht getröstet und geholfen sein, will keine Schonung: Ich will doch da durch, ich will den Kampf mit dem Dämon mitkriegen, will ihn gewinnen!

Aber Füttern wird den Dämon nicht los, Füttern macht ihn nur stärker. Füttern raubt die Möglichkeit, sich zu befreien, und sich ganz zu erfahren, eben auch im Leid und in der Hilflosigkeit. Das ist so ähnlich wie mit der heißen Herdplatte, was wir alle kennen: Es scheint liebevoll, ein Kind davor zu bewahren, die heiße Herdplatte anzufassen, aber tatsächlich gibt es kaum etwas wichtigeres als die eigene Erfahrung. Wie kann es liebevoll sein, jemandem die Erfahrung zu vermiesen?