Archiv für March 2006


08.03.2006 14:55
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Ich bin ja auf Genderthemen doch ziemlich eingeschossen, und bin aber im Grunde gegen geschlechtsspezifische Emanzipation.

Die Emanzipation, die mir vorschwebt (Wikipedia: “Ziel jedes emanzipatorischen Bestrebens ist ein Zugewinn an Freiheit bzw. Gleichheit”), ist eine der grundlegenden Annäherung von jeglicher Volksgruppe, was die Rechte angeht, und vor allem geht es mir, fasst man den Begriff etwas klassischer, auch um die männliche Emanzipation.

Insofern – wie finde ich eigentlich den Weltfrauentag, der ja heute ist? Was bedeutet er? Für mich?

Die Recherche macht mir eines deutlich. Es geht eigentlich nur sekundär um, zum Beispiel, meine Mitbewohnerinnen, meine Mutter, die Frauen in meiner Stadt. Vielleicht geht es bei ihnen darum, sich klar zu machen, was sie für Menschen sind, dass es gut ist, dass es sie gibt, und der Weltfrauentag ist dabei nur ein willkürlicher Anlass, sich das klarzumachen, so wie Geburtstage auch nur ein Anlass sind, sich über die Geburt eines einzelnen Menschen zu freuen.

Die Wurzeln des Internationalen Frauentages liegen zum Einen ziemlich lange zurück, sodass allein schon das historische Gedenken an Frauenrechte in vergangenen Jahrzehnten den Tag sehr angemessen macht, und zum Anderen im Sozialismus; beschlossen wurde er nämlich am 27.8.1910 auf der Internationalen Sozialistischen Frauenkonferenz, und eine Freundin, die in Rumänien aufgewachsen ist, erläuterte mir, warum das Sinn macht. Im Sozialismus sind ja bekanntermaßen alle gleich, und vor allem zählt der Arbeiter viel. Somit sind auch alle Frauen Arbeiter. Dennoch sind “klassische Frauentätigkeiten” auch im Sozialismus die Domäne der Frau. Haushalt und Kinder sind Frauensache, und am Weltfrauentag wird diese Doppelbelastung symbolisch einmal anerkannt.

Insofern: Ja, sicher, die Emanzipation (also die der Frauen, jetzt) ist in Deutschland, der Schweiz und Österreich natürlich sehr weit, und der Weltfrauentag ist irgendwie wieder nur ein Schachzug der Blumenindustrie.
Aber woanders werden Mädchen genital verstümmelt, dürfen Frauen nicht wählen, kein Auto fahren und keine Widerworte geben, und wannanders war das alles noch viel verbreiterter und schlimmer. Und da kann man ruhig mal einen Tag lang drüber nachdenken, finde ich.

Es ist nämlich der Weltfrauentag.

Also, ihr lieben Frauen da draußen: Einen schönen Weltfrauentag wünsche ich. Es ist schon viel passiert, und dafür könnt ihr dankbar sein, und vielleicht ein bisschen stolz darauf. Und weitermachen, natürlich.
Und, ihr lieben Menschen da draußen: Vor allem weitermachen… in der Welt ist noch viel zu tun, und Gleichheit geht, so ist das eben, alle was an.

07.03.2006 19:48
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Nehmen Sie einmal die Schwerkraft. Sie ist nichts weiter als eine Formel oder ein Gesetz. Ich sage Ihnen, Ihr Gott ist so eine Formel!
Er kennt Sie genau so, auf die Art, wie die Schwerkraft uns kennt. Nicht geht ohne sie oder IHN, ER ist in allem, und die Folgen aus einer Handlung gegen ihn bringt sofort das jüngste Gericht: Du brichst dir den Hals.
Die Schwerkraft ist nicht gut und nicht böse. Sie gibt keine Befehle, wer aber gegen Sie handelt, straft sich selbst postwendend. Wer mit ihr handelt, kann fliegen.

Janosch im Interview mit einer Chrismon-Redakteurin

07.03.2006 16:07
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Der oft erwähnte Nacktheitsgedanke hatte sich im Grunde schon mit dem Redesign des Blog angekündigt.
Ein halbnacktes Bild von mir ziert die Titelleiste, und auch wenn ein Teil der Motivation sicherlich durch mehr oder minder schnöden Exhibitionismus erklärbar ist, einen anderen Teil werte ich als unbewusste Entscheidung zu mehr Striptease.

Obwohl, nein Strip-Tease ist ja überhaupt nicht der Witz. Teasing ist ja gar nicht das Ziel, im Gegenteil.
Disclosure, also Offenbarung, Enthüllung, darum geht es, und zwar nicht in der Titelleiste, sondern beim Bloggen an sich. Zumindest zeichnet gute Blogs eine gewisse Authentizität (und ein gewisser Stil) aus.
Ich habe gerade mit großen Interesse bei Bandini gelesen, was ihn mit 14 so umgetrieben und wo er sich so rumgetrieben hat, und dachte “Hey, mann, warum ist das eigentlich interessant? Nicht nur kenn ich den Mann gar nicht, nein, das ist auch noch länger her als ich denken kann, wenn ich richtig einschätze, wie alt der gute jetzt ist”.

Aber es ist wie Warhol sagte:

“In the future, everyone will be world-famous for 15 minutes.”
Andy Warhol, 1968

Warhol spielte damit vor allem auf die Macht von Medien in dem Sinne an, was sie mit Menschen machen können. Talkshows und Reality Dokus geben ihm recht, und im Angesicht dieser Änderung hat er einige Jahre später seinen Ausspruch aktualisiert:

Für mich steckt da auch was anderes drin, was Schönes. Denn der Grund dafür, dass die Medien aus beliebigen Menschen eine Berühmtheit machen können, spricht in gewisser Weise nicht nur für die Manipulationsmacht der Medien, sondern auch für die Gleichheit von Berühmtheiten und den normalen Menschen.

Das führt mich zurück zum Gedanken der Nacktheit. Das was nämlich gleich ist, ist eben das, was nackt ist. Heute kriegt man Ruhm dafür, wenn man man selber ist – auch wenn ich die mediale Präsenz in der privaten Welt für schrecklich halte, so gefällt mir doch die Idee, dass Leute Ruhm erlangen, weil sie sich nackt machen, sich als Menschen zeigen.

Oft läuft das andersrum: Warum interessiert es mich, dass Heiner Lauterbach in Indien im Knast saß, weil er Rauschgift schmuggeln wollte? Warum gebe ich irgendetwas darauf, was Musiker über Hungersnöte denken? Warum interessiert mich ihre Nacktheit, warum will ich mehr über sie wissen? Nur weil sie schon berühmt sind, weil mir oft die Gelegenheit geboten wird, sie als Menschen zu sehen. Genau das versuchen ja, mit widerwärtigen Mitteln, aber dennoch, auch Paparazzi: Die Menschen so zu “kriegen”, wie sie wirklich sind.

Und Blogs haben genau diesen Sinn, ohne den ganzen Kokolres von Berühmtheit vorher. Und deswegen lese ich zum Beispiel über Bandinis Jugend, oder was da sonst so ist.
Es ist authentischer Kram. Disclosure. Bei Blogs wie bei Berühmtheiten. Die Menschen öffnen sich, und berühmte Leute haben nunmal oft Mikrophon und Kamera um sich, und dass dabei gelegentlich mal Authentisches rüberkommt, zwischendurch, ist ja klar. Blogger wählen schlicht selbst, wann und womit sie auf Sendung gehen.

Und 15 Minuten dürfte übrigens exakt die Zeit sein, die es dauert, sich bei einem beliebigen Blogdienst anzumelden und dort den ersten Beitrag zu schreiben. Oder ein Nacktbild reinzustellen. Und vielleicht damit berühmt zu werden. Aber auf jeden Fall genügt es, um sich nackt zu machen, im beliebig übertragbaren Sinn.

In 15 minutes everybody will be famous.

05.03.2006 17:15
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Gestern sprach die Wahlschwester davon, dass man die Absurditäten des eigenen Lebens verstehen müsse, oder sich ihnen als erstes widmen. Ich weiß es leider, leider, nicht mehr so ganz genau, aber es war ganz fürchterlich richtig.

05.03.2006 17:01
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Ben zeigt mir das Netz, das ist nett:

“Werden wir für immer beste Freunde sein?”
“Kann sein. Kann auch nicht sein.”
supatopcheckerbunny.de

05.03.2006 16:47
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Wie allseits (zumindest allseits hier) bekannt, bezeichne ich mich als poly. Die Ankunft bei diesem Begriff hat mir gutgetan, hat mich gefestigt in dem, was ich bin, hat mir aufgezeigt, was ich will und war alles in allem ganz schön wichtig für mein 2005.

Der Begriff Polyamory hat eine Weile auch dieses Blog hier definiert, in letzter Zeit bin ich aber eher wieder zu “freies Lieben” zurückgekehrt und betrachte Polyamory als Hyponym, weil sich für mich die Möglichkeit der Liebe für mehr als eine Person aus der von mir gern beschworenen Freiheit ergibt, aus der Freiheit zu entscheiden, zu lieben, zu sein.

Dennoch blieb das Thema interessant für mich, denn ich kann mir mittlerweile nur noch schwer vorstellen, in einer exklusiven Paarbeziehung in irgendeiner Form zufrieden zu sein, und dieses thematische Interesse führte dazu, dass ich auch erwog meine Diplomarbeit in irgendeiner Form in dem Bereich zu schreiben.

Während der Suche nach einem Betreuer musste ich logischerweise von dem Thema berichten, und selbstverständlich tauchte hier und da die Frage auf, warum mich das denn interessiere. Und neben der Tatsache, dass es ein Thema ist, das bislang wenig beforscht ist, und man somit die Chance hat, tatsächlich etwas Neues herauszufinden, interessiert mich das Thema natürlich auch aus persönlichen Gründen, was ich auch sagte. Ich dachte, das müsste wohl reichen an Information.

Es war sogar schon zuviel.

Die Öffentlichkeit an der Uni unterscheidet sich, wie ich merken musste, ganz gehörig von der Öffentlichkeit in meinem privaten Umfeld, und so habe ich zum ersten Mal bezüglich dieses Themas erlebt, was ich in der Tat als Anfeindung bezeichnen würde.
Klar, ich habe vorher schon Unverständnis erlebt, und Freunde haben in dem Zusammenhang auch stürmisch reagiert (“Reicht dir eine nicht?”), aber das habe ich immer mehr als Überforderung verstanden.
Aus der Arbeitseinheit, in der ich Betreuung suchte, kamen aber sehr kühle, überhaupt nicht überforderte, sondern gleichgültige aber dadurch nicht minder harsche Worte.
Dass ich doch wohl in jedem Fall die Paarbeziehung als Norm anerkennen müsste, das wäre ja nunmal einfach so.
Hat man , frug ich zurück, das nicht bei Homosexuellenforschung auch so ähnlich gesagt, dass Mann/ Frau nunmal einfach so wäre?
Unfug, das ist was Anderes, Homosexualität ist ja genetisch, das findet man ja sogar im Tierreich. Und überhaupt, kann es sein, dass du dir eine Rechtfertigung herbeiforschen willst, um so zu sein? Kann es sein, dass du da irgendwie bei dir selber was klar kriegen willst?

Autsch! We call that the Gürtellinie, I suppose.

Dieses Ereignis hat mir nochmal in aller Deutlichkeit zwei eng verknüpfte Sachen gezeigt.

  1. fühle ich mich deutlich solidarischer mit Schwulen, Lesben, Transgendermenschen und was weiß ich noch. Sexuelle Minderheit sein ist kein Spaß. Meinen Respekt für die vor 20, 30 Jahren noch ungemein schwierigere Situation. Wow.
  2. bin ich tatsächlich Teil einer Minderheit… das wurde mir gar nicht so recht bewusst, denn um mich rum sind Menschen, die offen und liberal denken, mich schätzen und so nehmen, wie ich bin. Aber in der echten Welt läuft die Mehrheit rum und zeigt mit dem Finger auf mich.

Der besagte Mensch hat sich mittlerweile per e-mail für die normativen Anteile in seinem Geseiere entschuldigt. Das finde ich gut. Ich überlege noch, wie ich da jetzt reagiere, denn irgendwie passt es mir nicht, jetzt ganz artig einen auf “Oh, wie nett dass du mich akzeptierst, das ist aber toll” zu machen. Für Grundrechte muss man nicht dankbar sein.

04.03.2006 21:35
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Die Prinzipien und ich mochten uns schon immer, wir machen sehr viel zusammen. Mein Primary ist und bleibt zwar das Alleinsein, aber in meiner Freizeit hänge ich oft mit den Prinzipien rum.

Ich mag, wie sie immer adrett gekleidet sind, und stets darauf achten, sich richtig zu verhalten. Sie sind beinahe höfisch. Manchmal werden wir belächelt, weil wir halt nicht in die großen Kinos gehen, oder, zugegeben, oft große Reden schwingen.
Aber ich hab mich immer wohl gefühlt.

Einige meiner Prinzipien sind mittlerweile ziemlich solide eingerichtet, die sind zuhause ausgezogen, haben sich selbständig gemacht und ne hübsche Wohnung gekauft, mit ausreichend Platz, dass man sich nirgends stößt.
Der Vegetarismus ist so ein Prinzip. Wir kennen uns jetzt (wie ich letztens mit Verwundern über mein resultierendes Alter feststellen durfte) seit fast 11 Jahren und verstehen uns nach wie vor völlig ohne Worte, und wir argumentieren mittlerweile auch sehr gelassen, wenn mal jemand nicht unserer Meinung ist.

Vor einiger Zeit zum Beispiel hatte ich eine sehr anstrengende Diskussion, in der eine der Diskutandinnen (heißt das so?), die übrigens keine Vegetarierin war, die Meinung vertrat, man möge Vegetarismus doch bitte staatlich vorschreiben, es wäre doch offensichtlich, dass es falsch wäre, Tiere zu töten, um sie zu verspeisen.
Ich musste ihr zustimmen (mein Prinzip war mit), dass es in der Tat falsch ist, Tiere zu töten, das finde ich auch, aus diversen Gründen.
Erstens kann ich mir nicht einreden, sie hätten keine Seele. Nichts spricht dafür, dass es so wäre, und da so vieles ähnlich ist (warm, laut, Planet Erde) sehe ich keinen Grund anzunehmen, dass nun grad der Seelenbesitz uns trennt.
Zweitens, und das ist schlichte Verursacherethik, da ich es selber nie über’s Herz bringen würde, den “Hier und Jetzt Artgerecht Töten”-Knopf zu betätigen, also selbst dann nicht, wenn ich wüsste, dass die Biester ein feines Leben geführt hätten und nun einen sanften Tod erführen, aus diesem Grund finde ich es arg feige, das irgendwen anders machen zu lassen.
Recht und Ethik sind Dinge, die kann man nur selber haben, die sind nicht delegierbar. Wenn ich Mord falsch finde, darf ich niemanden bezahlen, dass er’s tut. Wenn ich Tiertötung falsch finde, verhält sich das für mich ähnlich.

Dennoch sah ich mich in dieser Diskussion den interessanten Standpunkt vertreten, eine solche verordnete Richtigkeit wäre undemokratisch und somit abzulehnen. Offensichtlich ist mir die Freiheit des Gedankens und die Bestimmungsmacht der Mehrheit (natürlich bei gleichzeitigem Schutz der Minderheiten) noch wichtiger als mein eigener Vegetarismus.
Und in der Tat, wenn ich mich entscheiden müsste, welches der anwesenden Prinzipien sofort einen sanften Tod erführe, die Meinungsfreiheit oder der Vegetarismus, es wäre mir zwar schwer, aber ich würde den Vegetarismus dran glauben lassen.

Nichtsdestotrotz, denn zum Glück muss ich mich nicht entscheiden, hat mich der Artikel in der Zeit über die ethischen Aspekte unseres Umgangs mit der Vogelgrippe nochmal nachdenklich gestimmt.
Vorsorgliche Massentötungen. Wesen mit Seelen werden unserem Sicherheitsempfinden geopfert. Tja. Ist das anders, als Seelen unserem Hunger zu opfern, wie es halt in der fleischverarbeitenden Industrie tattäglich geschieht?

Und dann kam ich nochmal drauf, dass es tatsächlich nicht so anders ist. Klar, Hunger ist ein basaleres Bedürfnis als Sicherheit, aber es werden Lebewesen Bedürfnissen geopfert, die anders besser bedient würden. Durch Gemüse essen. Durch Prophylaxe und Geflügelimpfungen sowie andere Haltungsarten. Durch Modernisierung einer Gesellschaft eben.

Ich werde jetzt nicht die ganzen, alten Argumente rausholen, die mit Respekt und Gleichheit und Verantwortung, die mit Ethik und was weiß ich nicht. Auch nicht die mit Haltungsbedingungen und Welthunger, obwohl sie ganz gut sind.

Aber ich möchte gerade nochmal deutlicher meine Recht zur freien Meinungsäußerung nutzen, um zu sagen:

Tiere zu essen ist eine barbarische und im Grunde verachtenswerte, weil hier und heute unnötige Praxis, die sich nur als Relikt einer vergangenen Zeit, als unreflektierter Luxus und Hedonismus, schiere Gedankenlosigkeit oder Grausamkeit verstehen lässt.

Keiner dieser Gründe rechtfertigt den Tod eines Lebewesens, das, gleich uns, eine Seele besitzt.
Hört mal auf, bitte. Oder nehmt euch zumindest mal die Zeit, die Nachrichtenbilder wirklich anzuschauen, und danach ein Hähnchen zu essen. Da passt doch was nicht.